Schauspieleschule, Studium und Doktorarbeit (1942 - 1951)

Nachdem ich das Jenaer Gymnasium aufgegeben hatte, nach meiner Obertertianerflucht – da nahm mich mein Vater an die Hand und ging mit mir dreimal um die Friedrich-Schiller-Universität – und er prophezeite mir: „Hier wirst Du einmal reingehen. Hier wirst Du Dein Doktorexamen machen“. Das war denn doch – Wie denn? Ich hatte ja noch nicht einmal das Abitur. Aber es hat mich damals gerührt, angerührt. Und dann, noch während meiner Soldatenzeit, besser gesagt, während des Interregnums 1943/44, nach meiner Entlassung und späterer Wiedereinzwingung in die Uniform – da ließ ich es wirklich angehen. Ich schrieb mich als Gasthörer, als Gaststudent ein. Das war erlaubt. Theaterwissenschaft wurde vom Chefdramaturgen des Nationaltheaters Weimar vertreten – es war Gastprofessor C.A. zur Nedden.

Er interessierte sich für mich. Das war offensichtlich. Und so erfuhr er auch, dass ich abiturlos studierte. Er schien bei mir ein angeborenes Talent zum Theater, zur Schriftstellerei zu riechen. Und so kam eines zum anderen. Der Durchbruch zur Hörsaalanerkennung gab ein Regie- und Bühnenbildentwurf zur „Celestina“. Mein Professor meinte vorher, dass er sich eine Bühnenfassung des Werkes kaum vorstellen könne. Es war für ihn ein klassisches Lesedrama. Es gab zu viele Bilder, zu viele schnell wechselnde Szenen – Kulissen. Ich bot mich an, den Versuch zu unternehmen, es dennoch bühnenfertig zu machen. Wenn das scheiterte, so war nichts verloren. Ich tat es. Und es gelang mir, die herrliche vollsaftige Geschichte von der Kupplerin Celestine und dem Liebespaar Caliste und Melibea in einem einzigen Bühnenraum mit leicht und schnell wechselnden Bildern darzustellen. Ich führte das im Hörsaal an der Tafel mit Kreide vor und erläuterte es. Das wurde mit viel Beifall aufgenommen – vor allem aber vom Professor zur Nedden.

 Nun war er wirklich neugierig auf mich geworden und er brachte etwas in Gang, das mich zum regulären Studenten machen sollte.

 Es gab zu jener Zeit ein sogenanntes ‚Begabten-Abitur‘. Nur wer dazu vorgeschlagen wurde, hatte eine Chance. Zur Nedden schlug mich vor. Und so hatte ich eines Tages, einige Tage lang in Weimar zur Prüfung anzutreten. Unter der Aufsicht des Ministerialrates Stier und Professor zur Nedden hatte ich nun die Karten offen zu legen. Natürlich war ein großes Büffeln dem vorausgegangen. Eines Spätnachmittags war es zu Ende. Ich hatte bestanden und damit die Hochschulreife erreicht. Jetzt wurden mir meine drei Gastsemester angerechnet. Jetzt war ich auf der Akademikerbahn – hin zum Doktor phil. – wenn es denn ginge.

Schauspielschule in Weimar

Gleichzeitig bewarb ich mich an der Schauspielschule, der Musikhochschule von Weimar. Man hatte eine Prüfung zu bestehen bevor man als Schauspielschüler angenommen wurde. Mein Schauspiellehrer hieß Bruno Böning. Er war Schauspieler am Nationaltheater Weimar. Und so wechselte ich von jetzt ab die Schauplätze je nach Bedarf – einmal Weimar – einmal Jena. Schauspielschule mit Krückstock. Auch neu – für wohl auf jeden Fall. Ohne Stock konnte ich mich zwar ganz gut bewegen und laufen – aber nicht allzu lange. Auch kleine Rollen im Nationaltheater kamen nun auf mich zu. Und ich lernte dabei die strengen Regeln der Schauspielzunft. Ich erlaubte mir einmal auf der Bühne etwas zu essen – aber das war verboten und das hielten sie mir sofort und streng vor. Wenn einer auf der Bühne pfiff oder so ein Neuling wie ich es wagte, einen der Großen, der Erfahrenen einfach so anzusprechen – man hatte zu warten bis es ihnen gefiel.

Das alles gibt es heute nicht mehr am Theater. Man sollte dem nicht nachtrauern, aber gegeben hat es das – und wie!! Dann hatte ich es geschafft – ich bestand die Schauspielprüfung – Nun war ich amtlich beglaubigter Schauspieler. Mein erstes Ziel erreicht.

 Noch einmal ein paar Schritte rückwärts. Jena 1943/44. Ich war nun Zivilist. Eine erste Nachuntersuchung in Weimar, die mein Zivildasein festigen sollte oder mich wieder in den roten Schlund warf. Meine Nefritis musste für diesen Zweck besonders gepflegt werden. Meine medizinischen Kommilitonen halfen mir da sehr. Meine Verwundung – darum ging es längst nicht mehr, um den Granatsplittereinschlag in mein rechtes Fußgelenk, nicht um meinen Stützstock – Nur die Nefritis zählte – meine Nierenschädigung. Die gab es – das war klar, aber der Befund nun musste, sollte gravierend sein. Meine medizinischen Kommilitonen verordneten mir eine Salzkur. Und das wirkte. Der Arzt hätte sich entsetzt von mir wenden sollen – mir genügte die positive Entlassung.

Nun lebte ich schon einige Monate in Freiheit – auf Zivilebene - weg von dem unmittelbaren Kreisch- und Blutkrieg. Du hab ich mich an der Schauspielschule und der Universität festgehalten.

Wieder hatte ich bei einem Arzt zur Nachuntersuchung zu erscheinen – und diesmal ging es auch im meine Fußverwundung. Jedenfalls ich war wieder einmal gefordert zur Beurteilung in Richtung Uniform und Krieg. Sie schienen mich dringend zu benötigen, um diesen Krieg zu gewinnen. So darf es mir erscheinen. Und da stand ich nun vor ihm, dem Weißkittel mit Goldrandbrille und erschrak. Das war derselbe Stabsarzt, der mich in Cottbus aus dem Lazarett geworfen hatte, da er mich zweimal Pfeife rauchend auf einem Lazarettflur angetroffen hatte. Das er mir nicht gerade wohlgesonnen war und mich erkannt hatte – das war deutlich. Er drückte hart auf meiner Wundnarbe herum und das schmerzte sehr. Das tat ich auch kund. Seine Reaktion war „KV-Infanterie“. Und „KV“ das hieß kriegsverwendungsfähig. Nun sollte ich also ein Infanterist mit Krückstock werden. So etwas war in diesen Zeitabläufen durchaus möglich.

Was nun zu erwarten war – das stand fest: „Einberufungsbefehl“

 Studium in Wien

   Ja, der Einberufungsbefehl war nun zu erwarten – und wohl schon bald. Hier hieß es nun schnell handeln um dem Wahnsinn zu entgehen – ein feldgrauer, verwundeter Infanterist mit Krückstock unter der heiligen Fahne des Vaterlandes. Doch ein Vaterland, das zu etwas zuließ – Gut und kurz – hier half wirklich nur die Flucht. Und so tat ich. Ich setzte mich ab nach Wien – nicht illegal. Nein, das wäre Selbstmord gewesen. Nein. Das durfte ich, ich war ja noch ein Zivilist, ein Zivilstudent ohne einen Einberufungsbefehl. Und so einem Menschen, dem standen die deutschen Städte offen - auch Wien – natürlich ordentlich abgemeldet.

Ich ließ mich in Wien an der Uni immatriku-lieren. Nun war ich ein Wiener Student. Ein Zimmer, ein kleines Kabinetterl, war bald gefunden und dann bald noch eines und danach noch eines und noch ein anderes. Mit einem Wort gesagt: Ich zog von Studentenzimmer zu Studentenzimmer – immer in der Hoffnung, dass ich damit schneller war als der Einberufungs-befehl. Hoffen darf man ja. Und das klappte – fast durchgehend. Aber dann hatten sie mich doch erwischt. Hier half kein Zaudern mehr. Das wäre lebensgefährlich gewesen. Und so meldete ich mich pflichtschuldigst bei einem Wiener Wehrbezirkskommando. Nun, die kamen aber ins Staunen als die den künftigen Infanteristen betrachteten. Sie meinten nur: „San’s blöd?“ Dem konnte ich nur zustimmen. Sie aber mussten mich abwickeln und so eisenbahnte ich nach Weimar zu dem mir zuständigen Wehrbezirkskommando. Die wollten mich sofort in Marsch setzen. Zwei Tage Jena bei meinen Eltern holte ich jedoch für mich noch raus. Der Krieg wankte bereits zum Ende. Es war Dezember 1944 –

 Nichts weiter von diesem Fortgang. Ich erzähle hier nicht vom Kriege. Und wer es doch wissen will, der nehme sich meinen Roman, meine Schweykiade, vor „Die schier unglaublichen Erlebnisse des Soldaten EWIG Fernsing – vor, im und nach dem 2. Weltkrieg“.

 Doktorprüfung an der Universität Jena

   Das Studium hatte ich wieder aufgenommen an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Germanistik, Philosophie, Theaterwissenschaft. Natürlich nur mit halber Kraft, da ich ja einen Vollberuf im Theater hatte. Ziel: Ein Doktorhut.

Wer aus diesem Scheißkrieg einigermaßen lebendig herausgekommen war, der verdiente eine Krone – ich einen Doktorhut!

   Die Doktorprüfung, die mündliche war nun angesagt. Das Schriftliche hatte ich gut, nein, sehr gut hinter mich gebracht. Thema der Dissertation: „Das Tragische bei Gerhart Hauptmann.“ 220 Seiten. Dreimal jeweils neu geschrieben. Ich hatte das Pech, dass mein Doktorvater beim gleichen Thema war und mir zweimal sagte: „Gut so. Jetzt müssen wir einen Schritt weitergehen.“ Nach dem dritten Mal streikte ich. Er beließ es dabei. Gelesen, gegengelesen, begutachtet. Ein ‚sehr gut‘ dazu.

Aber nun – die mündliche Prüfung. Mittelhochdeutsch. Das war mir fremd. Das hatte der Krieg nicht zugelassen. Also einen Lehrer und Privatunterricht mit Gisela an meiner Seite. Sie war bald schon besser als ich. Aber im Augenblick der Wahrheit dann, da war mir alles parat und bewusst. Das wurde mir bescheinigt und Giselas Erstaunen gab es dazu. Nach der Prüfung alles, fast alles wieder vergessen.

Also mündliche Prüfung in den Fächern: Germanistik, Philosophie, Theaterwissenschaft.      

Meine kurze Hochschulerfahrung in den paar Monaten während des Krieges – das alles lag lange, lange zurück – und das Weiterstudium nur mit halber Kraft.

Germanistik – das sah ich verhältnismäßig locker – das würde ich schon hinkriegen – und etwas Wohlwollen war ja bei diesem besonderen Falle zu erwarten.

Philosophie – das war schon schwerer – da war von den ersten Vorlesungen vieles wieder verschwunden. Die Professoren bei denen ich Philosophie gehört hatte – da gab es nicht mehr. Nur einen noch – doch kaum von mir gekannt und ich natürlich auch nicht von ihm. Ein Professor Linke, ein Logiker. Logik. Nie gehört – oder doch – ein, zweimal. Dann Treffen mit ihm in seinem Haus an der Landgrafenstraße. Besprechung der philosophischen Prüfung. Es galt das Thema einzugrenzen, da ich nur Kurzstreckenphilosoph sein durfte. Wir einigten uns auf „Ästhetik bei Schiller“. Das lag ja auch nahe nach meinem Schillergartenhausaufenthalt. Der Professor scherzte mit mir, obwohl mir nicht danach war. Er meinte, wenn ich einen Angorakater für seine Angorakatze besorgen könnte, dann wäre die philosophische Prüfung schon gelaufen – augenzwinkernd. Ob er das wirklich ernst gemeint hatte. Das war bedeutungslos, wo konnte ich schon einen Angorakater herbekommen.

Sei es wie es wolle. Der Tag, der Nachmittag zur mündlichen Prüfung war gekommen. „Gott möge schützen!“ Erste Stufe: Germanistik. Mittelhochdeutsch – das „Nibelungenlied“. Gut gegangen. Mein Doktorvater und die zwei Beisitzer waren es zufrieden. Ja – drei Professoren nahmen den Joachim Tettenborn unter die Lupe. Weiter auf dem Weg – Literaturgeschichte, literarische Bewegungen, Entwicklungen, Epochen – Zahlen, Namen – Titel, Inhalte – vorbei. Geschafft. Und das war das Hauptprüfungsfach –

Zweite Stunde: Philosophie – Philosophie bei meinem Angorakater Professor Linke. Aber – oh Schreck – wo waren wir gelandet am Ende der ersten Stufe Germanistik – bei Leibniz. Das aber – das war nicht so besprochen, nicht so vorgesehen. Aber den Linke, den störte das ja nicht. Die philosophischen Gefilde waren ja seine Heimat - - Leibniz, Du lieber Gott. Was wusste ich schon über den, sein Werk, seine Philosophie – wenig, viel zu wenig – und da waren wir schon bei der „Unterscheidung von Vernunft- und Tatsachenwahrnehmungen“ – bis hin zum „Satz zum hinreichenden Grunde“. Nun musste ich parieren oder untergehen. Von Schillers Ästhetik – wie einmal ausgemacht – konnte keine Rede mehr sein. Und so blieb mir nur eines – ich musste versuchen, den Professor Linke zu prüfen – geschickt natürlich, schlau, verschleiert – denn da saßen ja noch die zwei anderen Professorenfüchse und warteten auf einen wankenden Joachim Tettenborn.

Nun – die Finte gelang. Ich lockte den weisen Professor auf das ihm ja bekannte Territorium – Da genügte es schon etwas anzudeuten, zu sagen, anzureißen, dass zum Beispiel damals eine wichtige philosophische Schule, eine besondere philosophische Bewegung, die einiges bewegt hatte. Und dann erklärte mein Professor, was sich da alles getan hatten und damit ergaben sie weitere Feststellungen, Halbfeststellungen, die immer auch knapp ein Fragewort waren. Und – man sage was man wolle – dieser Professor wusste Bescheid. Mit dem konnte sich nicht ein einziger Kandidat messen – am wenigsten aber ich. Aber einmal ging auch das zu Ende. Wir waren auch schon fast am Ende der Prüfung. Da fiel dem Professor tückischer Weise ein, dass er ja noch keine Fragen in Richtung Logik gestellt habe – und die stellte er nun. Glücklicherweise nur drei. Zwei konnte ich einigermaßen beantworten – nun, sagen wir, mit gütiger Hilfe des Professors, der so etwas kannte und schon viele Prüfungen hinter sich hatte. Ja, bei einer Logikfrage musste ich passen. Aber, was soll es – der Professor hatte glänzend bestanden. Das konnte ihm niemand mehr nehmen, und auf das es zu Buche schlage bei mir.

Dritte Stufe: Theaterwissenschaft – zweites Nebenfach. Hier hatte ich mir keinerlei Wissenstraining auferlegt. Außerdem – da wusste ich ja auch eine ganze Menge – auch schon vom Vorstudium im Kriege. Aber zunächst erzählte ich den begierig zuhörenden Professoren aus meiner Theaterpraxis. Was wussten sie schon von sowjetische, von polnischen Stücken und Zeitstücken aus anderen Ländern. Davon wussten sie nichts. Und so durfte ich sie knapp zwei Stunden damit unterhalten. Sie waren sehr interessiert. Es kam nicht zu irgendwelchen Fragen. Es war auf einmal einfach zu Ende.

Ja – plötzlich war alles vorbei. Gewonnen!! Das durfte ich annehmen, aber so hoch dann – summa cum laude!

Mit höchstem Lob! Na, Jochen, was sagst Du nun?

- und wenn ich es mir so recht überlege, sollte ich nicht doch nun einmal versuchen einen Angorakater für meinen hilfreichen Professor aufzutreiben ?

Nun – von jetzt ab: DR. JOACHIM TETTEBORN - - das macht sich – Wie?! Das war Glück – großes Glück. Dass es doch noch möglich geworden ist – nach all diesen Umkriegs, Hin- und Herwegen – Doch noch jetzt – ja – jetzt nun unter dem Hut – unter dem Doktorhut - - Dass so etwas auch Gefahren mit sich bringen kann, daran habe ich damals nicht gedacht, mir auch nicht vorstellen können.