Wechsel an das Theater in Erfurt (1948)

Mit meiner Heirat war übrigens das Schillerhaus-Idyll zu Ende. Ich zog zu meinen Schwiegereltern ans Camsdorfer Ufer. Eine kleine Wohnung wartete da auf uns. Das war ein Luxusgeschenk zu jener Zeit.

 Aber die ganze Jena-Zeit ging nun zu Ende. Ich nahm ein Angebot des Erfurter-Theaters an mit gleichen Positionen: Chefdramaturg, Regisseur, Schauspieler. Das Vorstellen in Erfurt ging problemlos vorüber – Gespräche mit dem Intendanten, dem Schauspieldirektor – und der Vertrag war perfekt. Der Wechsel im kommenden Sommer 1948 war damit klar. Eine Wohnung besorgte uns die Stadt. Der Umzug war klein – was hatten wir denn schon. Betten, einen Tisch, Stühle, zwei Schränke und noch einiges dazu. Das genügte. Uns fehlte jedenfalls nichts. Das anspruchsvolle Denken hatte der Krieg verschluckt. Wir lebten – und das war viel. Und ich noch mit einem herrlichen, besonderen Beruf. Theater!!!

 Erfurt war es nun. Es begann eine herrliche Zeit – eine wunderschöne Theaterzeit – natürlich auch eine wundersame Liebeszeit mit dieser herrlichen Frau, mit meiner Gisela.

  Nun in der Erfurter Theaterwelt. Hier gab es kein Zögern, keine Vorbehalte – hier war der Joachim Tettenborn etabliert für Regie, Spiel und Dramaturgie. Und ich bekam alles, was ich wollte. Vor allem aber die kleinen, wattegleichen engelshaften französischen Komödien – ja, das durften wir damals noch einspruchslos insze-nieren. „Heutzutage mit 18 Jahren“, „Ein kleiner Engel ohne Bedeutung“, „Das erste Semester“ – und so weiter, und so weiter. Mir waren sie gegeben und es waren kleine Kostbarkeiten, Leichtgewichte. Komödien – elegant – franzö-sisch elegant. Autoren wie Roger Ferdinand begleiteten mich von nun ab. Aber auch die Großen holten mich ein – vor allem aber die Zeitstücke – und hier vor allem die sowjetischen. Damit waren keine Erfolge zu erzielen. Das Publikum verweigerte sich diesen Stücken -  auch Zwangsverkäufe in Betrieben, in Fabriken, wirkten nicht. Die Karten wurden bezahlt, aber sie ließen sie verfallen. Das war ein kleiner, ein ganz kleiner Protest.

Politisches

Nun kommen wir zu etwas immens Wichtigen in diesen Breiten, in dieser ostdeutschen Region. Wir kommen zum Politischen. 1945 hatte ich mit der SPD angefangen, aber lange ging das nicht. Grotewohl verriet seine SPD an die SED – und somit wurden wir einfach kassiert. Es gab keine SPD mehr. Die Parteibücher mussten abgegeben werden. Das meine habe ich versteckt. Weshalb – darauf hätte ich keine Antwort gehabt – vielleicht, weil die Kapitulation auch für mich dann endgültig gewesen wäre.

Nun also SED. Und erstaunlicherweise setzte ich im Laufe der Zeit darauf nun einige Hoffnungen. Vielleicht war das wirklich ein neuer Weg – vielleicht - und etwas ausprobieren nach diesem Kriege war immer richtig. Aber bald schon musste ich erkennen, dass hier eine neue Diktatur einen andere abgelöst hatte. Individuen, Einzelmeinungen zählten nicht mehr – mehr – sie wurden nicht geduldet – alles hatte aufzugehen im Kollektiv – angepasst alles an alle und alle an alles. Und damit begann mein endgültiges Abnabeln von dieser SED. Nicht lauthals verkündet – um Gottes willen. Hinter vorgehaltener Hand, kaum sich selbst eingestanden. Und bei diesem Prozess lernt ich etwas ganz Neues. Wir hatten immer ‚für etwas‘ zu sein – für etwas Angeordnetes, zu etwas zu dem aufgerufen worden war. Meist ließ sich aber eine Übereinstimmung im Kopf und Bauch nicht herstellen – das machte nichts – Jeder hatte seine zustimmende Hand zu erheben und tat es. Und jeder Tag vollgedröhnt mit einseitiger Propaganda. Radio, Zeitungen, Betriebsversammlungen, Aufmärsche – und immer und immer wieder hattest Du dieser Propaganda-Trommel für Dich niederzustimmen, heimlich, vor Dir selbst zu widerlegen. Anstrengend und zum ständigen Hellwachsein gebracht. Und da kann man müder werden. Und so traf ich einen guten Freund, mit dem ich viele politische, heimliche Diskussionen geführt hatte, meist mit gegenseitigem Einverständnis. Als ich ihn wieder traf hatte er sich total verändert – ein anderer Standpunkt, andere uns bisher fremde Argumente – er war ein völlig veränderter Mensch. Er hatte vor dieser Propagandamaschine aufgegeben. Er konnte das wachsame Entgegenhalten nicht mehr durchhalten, das ständige Widerlegen der lauf gegröhlten Parolen. Und da gab es ein Sicherheitsventil. Nun begriff ich plötzlich seinen Wandel. Es war ganz einfach. Man konnte nun dem Diskussionspartner einfach sagen. „Du hast Recht, wenn Du sagst da ist etwas falsch und das stimmt nicht – nur solltest Du hinzusetzen „noch nicht“. Alles hat seinen Anfang und jeder Anfang ist schwer und wo gehobelt wird da fallen Späne. Aber eines Tages dann – „ Ja. So einfach war das. Endlich war das anstrengende ständige ‚Nein' überwunden und durch ein Zukunfts-Ja ersetzt. Das machte mich jedoch noch aufpasserischer. Aber das rochen die SED-Genossen in Erfurt nicht – noch nicht. Noch hielten sie mich für einen der ihren. Und das war verhängnisvoll – vor allem nach so einem erfolgreichen Universitätsabschluss.

Und so kam es auf mich zu – die große Ehre – der sozialistische Ritterschlag – die große Parteihochhebe – Und das ging so.

Ich erhielt eine Nachricht, einen Brief, wie ich mich jetzt erinnere. Er bestellte mich zur SED-Landesleitung in Erfurt. Das konnte nichts Gutes heißen – so musste man denken, aber hingehen, sich melden, das war unabdingbar. Und da stand ich dann am Tor zur SED-Landesleitung. Ein Pförtner – misstrauisches Abmessen. Rückfrage - und nun ein Hinweis, ein freundlicher nun, Ich wurde abgeholt von einem der höheren, der hohen Genossen – mit Gruß, Händedruck und Schmunzellippen – Na, nu - - war dort im Sitzungszimmer ein Festessen mit dem zu grillenden Joachim Tettenborn vorbereitet worden? Waren die Messer schon gewetzt, die Gabeln, lagen die Servietten schon bereit? Nein. Nichts von alle dem. Vier Genossen der landeshöchsten Gilde begrüßten mich und baten zum Sitz neben sie. Und da saßen wir uns nun gegenüber – ein Bier und ein Schnaps auf dem Tisch – Das alles, das schien zum Guten hinzuzeigen. Sie eröffneten mir – alles in breitesten thüringischen Dialekt, dass sie Großes mit mir vorhätten. Das war der Augenblick wo ich wieder Angst bekam. Sie gratulierten mir nachträglich zu meinem Doktor phil. Den ich ja mit ‚Summa cum laude‘ bestanden hätte, also wissenschaftlich ausgezeichnet war und das noch neben meinem Beruf. Das hätte Vorbildcharakter. Das konnte nicht alles sein – nur zu einer Gratulation hierher bestellt? Es war nur das Vorspiel. Sie hielten mich auch noch – zu meinem Schreck – für einen vorbildlichen Genossen und hatten deshalb einstimmig beschlossen – anders als einstimmig ging ja sowieso nicht - mich auf die ‚Karl-Marx-Hochschule“ zu entsenden. Das war die höchste Ehre die sie vergeben hatte! Sie hatten noch nie einen Kandidaten für diese Hochschule, für dieses bildungssozialistische Paradies entsandt, ernannt, Nun ich – Da saß ich nun – Was tun?

Einfach ablehnen – das war unmöglich. Das wäre eine Beleidigung in ihre froherwartungsvollen Gesichter – aber ich musste dem entkommen – ich wollte, ich konnte es nicht – den Glauben an sie und ihre Ideologie – der lag hinter mir – Außerdem – Gisela hätte mich mit gesträubten Federn verlassen – nun – „verlassen“ mag hier genügen, aber –

Was tun? Jedes ‚Nein‘ – das war hier mehr als eine Beleidigung, das war eine Provokation. Ich musste Zeit gewinnen und so entgegnete ich ihnen mit gebührenden Dankesworten, dass ich mich für so eine große Aufgabe, für so eine Ehre, Mission noch nicht reif genug fände. Ich bat um Bedenkzeit – etwas Zeit um dem näher zu kommen. Nicht einfach so und jetzt. Das hörten sie sich geduldig an, akzeptierten es jedoch nicht. Das Urteil darüber könne ich getrost ihnen überlassen. Sie hatten darüber beraten und diesen Beschluss nach reiflicher Überlegung gefasst.

Es gelang mir schließlich – mit flauen Gefühl im Magen die Zeitkarte noch einmal auszuspielen. Sie nahmen das dann hin – aber glücklich, nein glücklich sahen sie dabei nicht aus.

Mehr – Nun hatte ich mir Feinde gemacht – Und mächtige dazu –

Das begriff ich sofort. Ich versuchte es ins Sanfte zu lenken – aber, ich merkte bald das war zu spät – das gab kein gutes Gefühl für mich.

Ich hatte ihnen die erste Kandidatur, ihren allerersten Vorschlag für das Höchste kaputt gemacht – Das konnte so nicht hingehen.

Denkt nur an die Schenker, die Geburtstags- und Weihnachtsschenker, an die hoffnungsvollen, die nicht belohnt werden von dem Beschenkten – im Gegenteil.

Für mich war nun jedenfalls SED-Geburtstag und SED-Weihnachten gewesen –

Aber zunächst blieb das ohne erkennbare Folgen – Doch so etwas dauert – das war mir klar –

Und die Wunde, die ich ihnen geschlagen hatte – sie blieb unvernarbt – das erfuhr ich später.

Hinzu kamen einige unbeabsichtigte Fehler – kleine Sabotagen, wie sie es wohl nennen würden. Ich durfte – wie schon erwähnt – die kleinen federleichten französischen Komödien inszenieren. Und da hatte ich gerade die Komödie „Heutzutage mit 18 Jahren“ von Roger Ferdinand in Szene gesetzt - Premiere und ein so gar nicht erwarteter ständiger, sehr starker Applaus. Auch immer wieder Szenenapplaus. Was war geschehen? Du lieber Himmel. Die Premiere fiel auf den großgefeierten, groß zu feiernden ‚Tag der Jugend‘ – und dann dieses – Die Presse vermutete Unrat und fiel über mich wahrhaftig Unschuldigen her -  Sabotage!! Nun, das wurde nicht gerade gesagt, aber wohl gedacht von einigen. Es war eine Zusatzbestätigung über mich für die SED-Landesleitung. Der Sturm legte sich, obwohl mir niemand glauben wollte, dass alles ohne eine Absicht geschehen war. Und das war es wirklich – aber – so etwas durfte eben nicht passieren.

Grotewohl und Pieck

Es gab trotzdem Folgen. Kaum noch erwartet. Die Landesleitung kam zähneknirschend nun doch auf mich zu. Sie bot mir Bewährung an. Ich hatte ein sowjetisches Theaterstück für das große Haus als deutsche Erstaufführung zu inszenieren. „Der fremde Schatten“ von Simonow. Ein schrecklicher Spionageschinken. Da kniete ich mich aber rein. Genau dabei beobachtet. Das hatte ich nicht anders erwartet. Aber mir konnten sie nichts. Ich tat mein Bestes und noch ein wenig mehr. Ich übererfüllte mein Regiesoll. Vor jeder Szene ließ ich ein Plakat mit einem Wort Stalin herunter – ein Plakat, das, wie auch immer – einen oft mühsam konstruierten Bezug zum Bühnengeschehen hatte.

Da saßen sie nun die Genossen in der Hauptprobe und dann in der Generalprobe – mit mühsam, verhaltener Wut im Bauch. Aber sie konnten nicht eingreifen. Sie waren – im Gegenteil – zum Applaus verpflichtet. Die Ehrlichkeit hätte ihnen geboten zu sagen: "Bist du verrückt geworden? Es geht ja sowieso keine Sau in sowjetische Stücke, wenn aber vor jeder Szene noch ein Wort vom Genossen Stalin steht, dann kannste gleich das Theater zu lassen!!“ Aber das konnten sie nicht sagen. Sie mussten applaudieren entgegen ihrer Überzeugung. Das wurde nun wohl wirklich übel aufgenommen – noch dazu, da es unangreifbar war – nein – mir war hier nichts anzukreiden - - was es aber nur noch schlimmer machte.

Die Premiere sollte als sowjetische Erstaufführung zur besonderen Ehre nicht im Theater stattfinden – sie wurde in die Maxhütte, Unterwellenhorn verlegt. Eine erste Probe in dieser eisenverarbeitenden Hütte musste abgebrochen werden – da gab es die Walzwerke und die Stampfhämmer – Das deckte alles zu.

Es wurde ein Erfolg sondergleichen – bei der Presse und den hohen SED-Herren. Das Besondere gab den Ausschlag. Das war nun einmal so. Und Applaus gehörte dazu – sonst machte man sich verdächtig – und die Presse, die hatte ohnehin nur eine Richtung zu schalmaien. Da traten nun gestandene, erfahrene, erfolgreiche Regisseure ans Mikrofon und bekannten, dass sie nun vieles von ihrem jungen Kollegen gelernt hätten – und der junge Kollege war ich.

Aber das Verhängnis nahte, langsam aber sicher. Der Ruhm des Stückes, die Aufführung, des ‚genialen‘ jungen Regisseurs hatte längst auch die Hauptstadt Berlin erreicht und somit das Ohr der Regierung. Grotewohl sagte sich an. Was tun – das Theater war bei jeder Aufführung leer – fast leer bei diesem Stück. Da half in diesem Falle nur eines – Zwangsverkäufe der Eintrittskarten in den Betrieben – gleich drei- viermal in den gleichen Betrieben. Im Ernstfall hätten je vier Besucher auf einem Platz sitzen müssen, wenn der große Grotewohl ankam. Und das – soll uns der Himmel schützen – auch noch zu einer Sonntagnachmittags-Vorstellung.

Der gefürchtete Tag kam – Das Theater hatte 960 Sitzplätze – 12 davon waren besetzt.

 


Trotz allem – anschließend Treffen mit Grotewohl. „Die Leute sind noch nicht reif für unsere Zukunft – und so weiter. Trost für die Wissenden – die ‚Fortgeschrittenen‘! Mir gratulierte der hohe Berliner und führte mit mir ein langes Gespräch. Gisela musste auf Klo. Das verbot ich ihr. Es hätte ausgesehen als ob sie und damit auch ich – Ich sagte ihr: „Und wenn Dir die Blase platzt – halte aus. Bitte!“

Wir hielten alle aus. Ein Riesenerfolg für mich – das große Lob des Berliners – aber für mich wohl mehr das weitere Flechten eines Galgenstrickes. Ich spürte es –

Aber auch das sei gesagt. Das alles geschah nicht um mir einen Lorbeerkranz des Widerstandes aufsetzen zu können. Ja – ich löckte ab und zu gegen den Stachel – aber mehr aus Lust und als Training gegen meinen geplanten Untergang –

Aber es kamen noch einige Höhepunkte – unerwarteter Weise auf mich zu –

Wieso das geschah, das war nicht ohne weiteres einsehbar – ja, es lief sogar gegen die, die da auf mich lauerten. Auch das Unberechenbare gehörte dazu. Jedenfalls erwählten mich meine Erfurter Theatergenossen zum Delegierten für den Berliner Parteitag der SED. Vermutlich waren sie froh einen gefunden zu haben hierfür, froh darüber, dass nicht sie nach dorthin fahren mussten, um dort Disharmonisches zu harmonisieren. Ich musste – und nun wollte ich auch.

Berlin – SED-Parteitag. Hier lernte ich den obersten der Genossenbossen kennen – Wilhelm Pieck. Er hat mich nicht beeindruckt. Pücknicker. Ein rundes, Gesicht, wie vom Rotwein geschminkt und die dazu passende rötliche Knubbelnase. Von mittlerer bis kleiner Statur. Er wäre ohne weiteres auch als Gemüsehändler oder Kneipenwirt durchgegangen. Nein. Beeindruckt hat er mich nicht.

Wir hatten zusammen einige Gespräche und Spaziergänge auf dem Hof hinter dem Kapitalisten Palais, auf einem abgegrenzten Gelände. Aber immerhin -  nur wir zwei – der Oberste und der zu Verfolgende – Da hätten sie aber Augen gemacht die Genossen von der Erfurter Landesleitung. Aber von ihnen waren hier leider nur einige dabei. Sollten sie doch in Erfurt erzählen und sich hier Erstaunen über den SED-Genossen Joachim Tettenborn. Ja. Möge es ihnen die Spucke verschlagen und wenn sie sich dabei verschlucken würden – meinen Gruß dazu.

Probleme mit der SED – Es wird eng

Aber zurück zum Erfurter Theater. Da gab es neue Probleme. Natürlich war ich für das Theaterheft verantwortlich – es hieß „Die Brücke“. Da wurde wieder einmal zu einem Protest zu etwas aufgerufen – diesmal ging es um Atom. Im Theaterheft hatte ich dazu Stellung zu nehmen – es war gleichzeitig ein Votum gegen den kapitalistischen Westen. Es waren Listen ausgelegt, Unterschriftensammlungen. Aufgerufen waren alle – alle – Und dafür hatte ich im Theaterheft zu werben. Ich ließ dazu in meinem Theaterheft drucken: „Jeder handele wie sein Gewissen ihm befiehlt.“

Nun – was sagten sie nun dazu, die strammen, gläubigen Genossen – sagen wir, meist nur scheingläubigen Genossen. Und da kam es auch schon auf mich zu – zurück zu mir. Ich hatte wieder ein Theaterstück inszeniert. Premiere. Premierenfeier im Sowjet-Keller. So nannten wir das Lokal der „Sowjetisch-Deutschen-Freundschaftsbeziehungen“. Ein hochoffizielles Lokal. Für Feiern dieser Art hatten mir mit List diese Versorgungsunterkunft gewählt. Dort gab es mehr und besseres als anderswo. Essen, Trinken – fast erstklassig für die deutsch-sowjetische Freundschaft.

Für mich war an diesem Premierenabend noch eine Überraschung im Sack. Das Premierenstück hieß: „Ein kleiner Engel ohne Bedeutung“. Auch so ein federleichtes Komödchen aus Frankreich – also alles eigentlich harmlos. Nun aber – zu mir an den Tisch gesellte sich ein Herr - nein, das nun nicht – ein Mann, und wie sie sehr schnell herausstellte, ein Parteiabgesandter aus Berlin – ein höherer Genosse, wahrscheinlich Stasi. Abgesandt zu mir – offensichtlich nur zu mir. Er sprach mich auf diesen Satz im Programmheft an: „Jeder handle wie sein Gewissen ihm befiehlt.“ Es sprach sich schnell herum, dass hier etwas politisches, politisch Unangenehmes im Gang war. Kaum war das ruchbar geworden, wurden ich und mein Tisch mit ihm weiträumig gemieden. Eines war nun klar, er wollte mir ans Leder. Er war mir diesen Satz noch zweimal vor und roch daran, darin Unrat, politischen Unrat. Jetzt hatte er mich und die Genossen der Landesleitung brauchten nur noch zuzusehen. Aber da hatten sie sich geirrt und auch der Genosse hoher Mann, der Politikverfolger. Ich fragte ihn und bat im eine Antwort – ich fragte ihn, wie in einer Welt wie der unseren denn einer entscheiden müsse – oder könne. Wenn er aber der Meinung wäre, dass eine freie Entscheidung der Bürger auf jeden Fall gegen den Staat und die SED wäre, dann könnte ich aber keinen Augenblick daran glauben, dass er wirklich ein Kommunist sei. Es gibt nur eine Zukunft, ein neues, weites, freies Reich – und das ist das unsere. Wer also frei entscheidet, der habe gar keine Wahl oder er ist hinterhältig, dämlich, vorgestrig. Und sollte also ein Mann wie er tatsächlich der Meinung sein, dass sich bei einer freien Entscheidung alles und alle gegen den Staat, gegen die Partei – Nein. Das könne ich nicht glauben. Er wurde bleich – und das wahrhaftig. Er stotterte. Er entschuldigte sich bei mir und gab zu – nun, erklärte mir, dass er sich gründlich getäuscht habe und dass ich für ihn hundertprozentig und so weiter – und entschwand und das recht schnell. 

Das muss die Genossen der Landesleitung aber sehr irritiert haben, denn dieser Mann bei mir, mein Mann, er war ein Vorangeher, Vorbild, einer mit der Fahne in der Hand – und wenn der nun nach seinem Gespräch mit mir, so etwas sagte - - Aber ganz geglaubt haben sie ihm wohl nicht und mir bestimmt nicht.

Das sollte sich noch zeigen –

Noch das und jenes kam dazu. Wir spielten ein polnisches Stück. Ein Zeitstück. Ich spielte darin den Müller von der Brücke und hatte das Stück mit „Heil Hitler“ zu eröffnen. Dieses Theaterstück sollte in meinem Leben noch eine entscheidende Rolle spielen.

Stücke dieser Art sollten zu Publikumsdiskussionen anreizen. So auch hier. Im Sowjet-Keller Erfurt. Ein älterer Kollege hatte es inszeniert. Zur Diskussion mit dem Publikum war er geladen. Aber er war nicht erschienen. Das Publikum wartete ungeduldig. Aufgeregte Anrufe bei mir. Wieso bei mir? Ich hatte damit nichts zu tun. Was wollten sie also? Nun erfuhr ich es. Da war unerklärlicherweise im Sowjet-Keller-Saal proppenvoll mit wartendem diskussionsfreudigem Publikum. So etwas hatte es kaum einmal gegeben. Die Schuld wurde mir zugeschoben. Sie holten mich in Schnellfahrt mit einem Wagen ab – zu dem schon über eine Stunde wartenden Publikum. Sie waren gereizt. Das konnte ich gut verstehen. Eine Entschuldigung wurde nicht akzeptiert. Nun stand ich vor ihnen und hatte zu diskutieren und zwar aus der hohlen Hand. Das war nicht einfach. Natürlich war auch hier die Presse dabei und hatte wieder ein Opfer und das Opfer war wieder ich. Meine Erklärung, dass ich nur für meinen älteren Kollegen eingesprungen sei, der nicht erschienen war, und dass ich damit das Ganze noch einigermaßen retten wollte, konnte. Das wurde nicht zur Kenntnis genommen. Ich war der Chefdramaturg des Theaters. Das genügte. Und nun Wiederholungstäter, Serientäter, politischer Saboteur.

Jetzt wurde es eng.

Die äußeren Zeichen eines nahenden Unterganges des Joachim Tettenborn ließen sich nicht mehr übersehen, wenn sie auf ihre Art zusammenzählten:

Ablehnung der Karl-Marx-Hochschule

Das Theaterstück, die Inszenierung „Der fremde Schatten“ mit Stalinzitaten beschwert.

Der Tag der Jugend – versehentlich geschmückt mit einer französischen Komödie „Heutzutage mit 18 Jahren“.

Der Aufruf im Theaterheft: „Jede handle wie sein Gewissen ihm befiehlt“.

- und da noch eine Kleinigkeit und dort noch diese.

Meist, im Einzelnen gesehen, nichts sehr Nennenswertes – aber zusammengeschichtet und durchgerechnet und zusammengezählt –

Nun zeigte es sich auch im täglichen Lebensablauf. Zunächst – und das war alarmierend – zunächst wurde mir die Lebensmittelkarte I gestrichen. Es war die Lebensmittelkarte für Schwer- und Schwerstarbeiter und für Führungskräfte. Dann – kurze Zeit später – wurde mir auch die Lebensmittelkarte II gestrichen. Damit war es gesagt. Ich weigerte mich, die Lebensmittelkarte III anzunehmen. Nun war ich gezeichnet.

Gisela fuhr nach Weimar zum Ministerium. Sie suchte irgendein hohes Tier auf und fragte es, ob ich nun in Ungnade gefallen wäre. Sie meinte – er brauche ihr hierauf keine Antwort zu geben. Wenn er schwiege, dann wisse sie genug. Er schwieg. Jetzt brannte es.

Zunächst einmal sagten sie mir an – und das war die Landesleitung der SED – und daneben stand mit Sicherheit die Stasi – ich sollte die Stadt nicht mehr verlassen. Verdächtig also, ein Verdächtiger – Jetzt war es nun wohl bald soweit.




Stadttheater Erfurt - Biberpelz - 14.5.1946
Stadttheater Erfurt - Biberpelz - 14.5.1946
Stadttheater Erfurt - Der fremde Schatten - Das Volk, 5.8.1950
Stadttheater Erfurt - Der fremde Schatten - Das Volk, 5.8.1950