Schiller-Theater Berlin (1952 - 1962)

 Die sechs Monate gingen vorüber - und da war es denn auch das Ende. Zum ersten Male stempeln gehen. Aus der Zeit meines Vaters kannte ich das noch, aber auch nur von fern her – Nun war ich Arbeitsloser, ein arbeitsloser Künstler.

 Das Arbeitsamt, an dem ich mich stempelvorzeigbar machen musste, dieses Arbeitsamt lag weit fort von unserer kleinen möblierten Bude in der Nestorstrasse. Das Geld für die S-Bahn musste ich sparen. Also nur ‚per pedes‘ – ich lief schon auf den Brandsohlen. Und das ist nicht übertrieben. So lernte ich Berlin näher kennen als viele, die schon lange dort wohnten – Da kitzelte es mich zu einer Narrentat. Ich schickte dem Kultursenator Tiburtius meine Todesanzeige. Der Schriftsteller Joachim Tettenborn – eben noch hoch und lange gelobt – nun ein Brandsohlenstempler – dazu ein Nichts – nahezu tot.

Ob das Wirkung tat von oben nach unten? Ich weiß es nicht. Nur eines geschah danach – ob es da einen Zusammenhang gab, das habe ich nie erfahren – Nur eines geschah plötzlich, überraschend, ein Blitz aus dunklem Himmel. Barlog, der hohe Chef des Schiller-Theaters interessierte sich für mich. Nun – das war denn doch – das wichtigste Sprechtheater Deutschlands, aber so einfach laufen bei mir die Wege nicht. Er schickte ein Telegramm an mich mit der Aufforderung mich bei ihm vorzustellen. Aber das Telegramm schlug zwei Häuser neben mir ein. Dort gab es keinen Joachim Tettenborn. Dass dieses für mich so enorm wichtige Telegramm mich dennoch erreichte, das war ein kleines Wunder. Vielleicht aber war ich doch schon bekannter als ich in meine Naivität annahm.

Hier der Vertrag von 1954 - Die Gage betrug immer noch 350 DM.
Hier der Vertrag von 1954 - Die Gage betrug immer noch 350 DM.

  Ich traf im Schiller-Theater ein. Barlog empfing mich in Begleitung seines Stellvertreters Albert Bessler. Sie beäugten mich genau. Wir kamen ins Gespräch. Barlog sagte mir, mein Theaterstück die „Perspektiven“ wären in seinem Theater nie aufgeführt worden – Da musste ich nun doch lächeln – eine Aufführung brauchte das Stück ja auch gar nicht mehr.

Barlog, das war bekannt, stand links, noch etwas linker als sein Stellvertreter. Nun – wie auch immer – ganz missfallen scheine ich ihnen wohl doch nicht, Barlog bot mir an, bei ihm als Dramaturg zu arbeiten und mich vor allem um die jüngeren Dramaturgen zu kümmern. Er bot mir dafür die fantastische Gage von 350 DM an. Ja – langsam aber sicher erreichte ich atemberaubende Westhöhen. Dazu kam noch ein Spielgeld – für den Fall, dass ich bei ihm schauspielern würde.

 Nun war es geschehen – Und es sollte mehr als zehn Jahre halten.

 

 Meine Arbeitszeiteinteilung beim Schiller-Theater war von Anfang an exotisch. Vormittags saß ich in meinem Dramaturgenbüro – ich war zuständig gemacht worden für junge Dramatiker – und abends hatte ich jeweils zur Vorstellung im Theater zu sein – an jedem Abend – an jedem Abend! Ich hatte im Auftrag Barlogs zu überwachen, dass alles reibungslos und gut ablief – von ‚Vorhang auf‘ bis ‚Vorhang schließen‘. Zuständig war ich auch für eventuelle Ansagen für das Publikum, wenn etwas angesagt werden musste. Ich musste auch bereit sein für einen Schauspieler im Notfall einzuspringen, wenn er – aus welchen Gründen auch immer – ausfiel. Mit dem Textbuch in der Hand – anders ging es ja nicht. Aber – immerhin – ich kannte ja alle Inszenierungen aus dem Eff-Eff – von vorn bis hinten und umgekehrt. Kleine Texte waren dann eben schnell zu lernen – längere, wie gesagt, mit dem Rollenbuch in der Hand. Es war ein abenteuerliches Nachtleben, aber schön, schön doch. Ich kannte sie alle – alle die großen des Theaters, die Schauspieler deutscher Zunge, die Großen, auch die Kleinen, aber vor allem die Größen – und sie kannten mich. Gustav Gründgens „Faust“, Käthe Dorsch – ich habe noch ihren letzten Theaterauftritt bei uns im Schiller-Theater erlebt. Es war die ‚Maria Stuart‘, der schillerschen. Sie als Königin Elisabeth, die Wessely als Königin Maria. Lucie Höflich als Hecuba in den ‚Troerinnen‘, Minetti in ‚Besuch der alten Dame‘, Walter Franck in ‚Der Teufel und der liebe Gott‘, Martin Held. Die großen jüdischen Regisseure und Schauspieler, Kortner, die jüdischen Schauspieler Ernst Deutsch, der Gentlemanschauspieler. Er versuchte sich gemeinsam mit mir das Rauchen abzugewöhnen. Er rauchte zehn und mehr schwere Zigarren am Tage. Sein Arzt verbot es ihm. Nie wieder habe ich einen besseren Nathan in ‚Nathan der Weise‘ gesehen, Bassermann, Bois und viele, viele – Die anderen großen Regisseure Piscator, Fehling, er wollte ein Theaterstück von mir inszenieren. Er erkrankte schwer. So wurde es nichts. Schade, schade – Das wäre ein zweiter Ritterschlag für mich gewesen. Der Regisseur Koch, der Erfinder der Theater-Koch-Platte. Es war an jedem Abend so etwas wie ein Fest für mich – eine hohe Schule des Theaters für einen Theaterautoren. Ich komme noch einmal darauf zurück. Ich wollte nur noch einmal über meine exotischer Arbeitseinteilung am Theater sprechen. Ja – vormittags und in die Nacht – Manchmal auch die Nacht verlängert mit großen herrlichen Kollegen – in Freundschaft – bei Schnaps und Bier. Selten nur mit Wein.

Eine Seltsamkeit störte mich bei meiner Arbeit. Und Nachtaufgabe. Barlog schrieb immer wieder kleine Briefe an die Schauspieler, die irgendwie ein wenig aus der Rolle gefallen waren. Schauspieler sind nun einmal Sonder-Phänomene. Da gestattet sich einer einmal einen scherzhaften Textschlenker – oder er improvisierte etwas – aus Spaß. Diese Schauspieler wurden am nächsten Abend von Barlog brieflich verwarnt. Ich war darüber irritiert, manchmal auch ein wenig amüsiert – ich war immer gespannt wie darauf reagiert wurde. Ich nahm es leicht, bis ich selbst von Barlog einen Brief bekam – ja, wenn man erst selber betroffen ist.

 Es war ein ausgefülltes Leben ganz nach meinem Geschmack und immer auf den angewiesenen Wegen des Barlog. Und noch eines war für mich hervorragend – abends, während der Vorstellung, wenn alles normal ablief, dann hatte ich Zeit zum Schreiben. Und dazu, wann immer ich wollte konnte ich während der Vorstellung mir Szenen der Aufführung aus der Regieloge, ansehen. Wir waren kein An-Suit-Theater, aber so ein Stück lief doch meist dreißig oder vierzig Mal.

Schiller-Theater, Heft 43, 1954-1955 - Faust - Käthe Braun und Wolfgang Borchert
Schiller-Theater, Heft 43, 1954-1955 - Faust - Käthe Braun und Wolfgang Borchert
Schiller-Theater, Heft 43, 1954-1955 - Maria Stuart - Martin Held/Elisabeth Flickenschildt und Peter Mosbacher/Joana Maria Gorvin
Schiller-Theater, Heft 43, 1954-1955 - Maria Stuart - Martin Held/Elisabeth Flickenschildt und Peter Mosbacher/Joana Maria Gorvin


Schiller-Theater, Heft 65, 1956-1957 - Der Besuch der alten Dame - Käthe Dorsch/Bernhard Minetti/Werner Peters
Schiller-Theater, Heft 65, 1956-1957 - Der Besuch der alten Dame - Käthe Dorsch/Bernhard Minetti/Werner Peters

Der Mann für alle Fälle

Für Barlog war ich mit der Zeit zu einem nützlichen Instrument geworden, zu benutzen wann, wo und wozu auch immer. Starb ein Schauspieler - nicht vom eigenen Haus - Joachim Tettenborn war zu Stelle als Barlog-Vertreter. Dunkler Anzug, der Theater-Dienst-Wagen, der Mercedes mit dem Fahrer Daniel. Er war eigentlich der Fahrer Barlogs, aber bei diesen Gelegenheiten hatte er mich im Fond. Im Kofferraum ein Kranz. Der Kranz und ich – das genügte und Barlog ersparte sich die Trauerbühne und viel Zeit. Ich war inzwischen bekannt bei den Trauergästen der Berliner Friedhöfe, bei den Hinein- und Hinausträgern, den Sargträgern. Wir lächelten uns bei Wiederbegegnungen freundlich zu, uns traf dieses Schicksal ja nicht, wir waren nur bestellte Nebentrauerleute. Die obskursten Dinge geschahen da manchmal. Ein Beerdigungspfarrer hatte seinen Spickzettel verwechselt und so pries er einen als schwul bekannten Schauspieler als liebevollen Partner, aufopfernd in der Liebe und im Leben. Die aufkommende Heiterkeit wusste er sich nicht zu erklären. Und einmal trat ich in die Tränenhalle und fand kein Publikum – doch, doch – eine Frau, eine einzige Frau – das war alles. Und sie fragte mich, ob ich ein Wort am Sarg reden könnte. Das musste ich ablehnen. Ein Pfarrer war nicht dazu gebeten. So entstand nach der Orgeleinleitung eine lange, eine sehr lange Pause für uns zwei dort als Sargpublikum. Und dann endlich Erlösung, die Pause war vorbei – wieder Musik –und was erklang: „Liebesnacht, oh Liebesnacht - - - „

Am Schluss der Gänsehautvorstellung stand die einsame Frau – sie war nicht seine Ehefrau – stand sie da um sich kondolieren zu lasse. Ich tat es – pflichtschuldigst. Sie fragte mich noch, ob ich es pietätlos gefunden habe, dass die „Liebesnacht“ gespielt worden wäre. Das verneinte ich natürlich. Sie sagte, er habe es sich gewünscht.

Nach diesen vielen Friedhofsauftritten hätte ich jeden Leidenspfarrer vertreten können.

Barlog hatte mit der Zuchthausdirektion Tegel ausgemacht, dass ihr ab sofort ein Joachim Tettenborn, ein Doktor Joachim Tettenborn zur Verfügung stünde. Ich sollte den Häftlingen Kultur beibringen, ihnen die Literaturgeschichte nahebringen. Man denke! Dabei musste doch klar sein, dass denen das alles doch ganz schnurzwurst und piepegal sein musste. Und so war es auch – zunächst. Zum ersten Male im Auditorium Maximum des Zuchthauses. Ein großer Saal – Stühle. Und da schlurften sie auch schon herein. Es war klar zu erkennen, dass sie das alles einen Scheißdreck interessierte. Aber – alles war besser als der ewig graue Alltag – ein wenig Ablenkung war immer willkommen. Aber dann – ich stellte mich ihnen und – man glaube es kaum – sie begannen sich dafür zu interessieren. Ich brachte es natürlich auch ganz unkonventionell.

Das alles ging lange seinen guten Gang. Das muss gesagt werden – Irgendwann – ich weiß nicht mehr wann und wie lange das alles gedauert hatte - Irgendwann wurde ich von meinem Zuchthausdasein entlassen.

Da ging es weiter auf Barlogs Hinzeigepfade. Und ich begann mich nunmehr – mehr und mehr als „Ein Mann für alle Fälle“ für Barlog zu fühlen.

Vertrag Deutsche Oper Berlin von 1960
Vertrag Deutsche Oper Berlin von 1960

 Und da kam auch schon der nächste Barlog-Streich – Er brachte mich an die „Deutsche Oper Berlin“.

Nein, nein – nicht dass ich plötzlich Sänger geworden wäre, Dirigent, Opernregisseur – und dennoch – dennoch war es ein kleines Stückchen von allen.

Die Deutsche Oper Berlin in der Bismarckstrasse. Eine Gruppe junger Sängerinnen und Sänger gehörte zu ihr. Sie hatten gerade ihren Abschluss hinter sich. Hier gab es die ersten Sporen zu verdienen. Sie kamen aus vielen Ländern rundherum. Ein erstes Hineinschnuppern in den neuen Beruf nach Abschluss ihrer Musikhochschulen. Nur die, die besonders erfolgreich abgeschlossen hatten, kamen hier zusammen. Das war Bedingung. Hier wurden sie weiter ausgebildet, aber sie wurden auch schon auf der Bühne eingesetzt. Hier wurden sie nun noch einmal trainiert für Fechten, Italienisch, Schauspielerei, Tanz. Und nun – für die Schauspielerei wurde ich eingesetzt - Ein Mann für alle Fälle.

Und das war eine herrliche Aufgabe mit diesen jungen, begeisterungsfähigen Menschen zusammenzuarbeiten, zu proben, zu spielen – Das war fast das reine Vergnügen – meist ja, meist.

Wir kamen zusammen und fanden uns zusammen. Und wir mochten einander. Das war die Voraussetzung für einen Erfolg. Wie spielten Szenen aus deutschen und internationalen Theaterstücken – natürlich nicht vor Publikum. Da kamen zwar hin und wieder einige und sahen und hörten zu – Aber ansonsten nur für uns. Vor allem eines pflegten wir – die Pantomime. Das war schwerste und das leichteste zugleich. Das schwerste, da nur der Körper zur Verfügung stand zum Ausdruck, das leichteste, weil es ohne Sprachbarrieren ging.

Pantomimisch waren wir bald meisterhaft. Mit Hingabe und Einfühlungsvermögen. Eine Verfolgungsszene in der Realität übergehen zu lassen in eine traumhafte – Das erste schnell zugreifend, jetzig, das andere traumwattig, langsam – meist nicht bis ans Ziel kommend. Ja, und dann stellten wir eine Pantomime hin, die Aufsehen erregt. Wir pantomimten eine Irrenhausbesetzung, aber das Ganze nicht so einfach und primitiv nach aussen gerichtet, nein, vertieft in das verstörte Innere. Jeder hatte seinen eignen Part. Und das alles dann zusammen. Da konnte man schon schwer ins Grübeln kommen – ja, mehr – in Angst geraten, in Angst von der Rolle gefangen zu werden. Wir wurden besucht von Schauspielschulen aus England und Frankreich. Es war unser Pantomimemeisterwerk. Wir brachen es dann aber ab. Es wurde zu gefährlich.

Trotz allem, es war eine schöne, eine beglückende Zeit. Aber auch das hörte eines Tages auf.

Aber immerhin, eines gelang mir – ich kannte natürlich den Opernoberspielleiter sehr gut – ich sprach ihn an auf meinen Freund Fritz Petzold. Vielleicht hatte er eine Möglichkeit, eine Chance für ihn, als Opernregieassistent. Er sah ihn sich an und nahm ihn. Und damit begann seine bemerkenswerte große Karriere als Opernregisseur – bis ins Internationale hinein.

Fritz Petzold, ein hochbegabter Musiker. Er hatte kaum eine Chance in der Musikszene. Als junger Bursche hatte er 1945 einen Unfall. Sein rechter Arm war gelähmt. Heute hätte man das reparieren lassen können, aber damals. Der Arm wurde nicht abgenommen, er hing wie leblos links an seinem Leibe. Eigentlich wollte er Pianist werde. Aus der Traum. Er hatte eine sehr gute Bariton-Stimme. Sein Gesangslehrer war ein bekannter, berühmter Mann, Professor Weissenhorn. Aber was half ihm schon eine schöne Stimme. Opernsänger – das war nicht mehr möglich. Konzertsänger – wenig Berufshoffnungen. Dass er außerdem Meisterschüler für Komposition bei Boris Blacher war, nützt ihm auch nicht viel, da seine Faulheit sein Talent unterwarf. Seine Kompositionsaufgaben schrieb er meist in der letzten Nacht vor der Ablieferung.

Eine Anmerkung am Rande zu dem Kettenraucher Boris Blacher – seine Schüler hatten immer eine glimmende Zigarette bereitzuhalten zur Rauchfortsetzung. Fritz Petzold komponierte ab und zu einiges – Kurzkompositionen. So komponierte er einige Gedichte zu klangvollen Liedern. Hierfür war sogar der RIAS-Radiosender Berlin seine Bühne – aber das eben nicht zum Podest.

Jetzt aber Regieassistent – Das war es. Das hat mich sehr froh gemacht. Ich konnte nur das Tor aufmachen – durch- und weitergehen musste er alleine. Und das tat er. Oberspielleiter Völker schätzte ihn bald sehr. Ja – er fand in ihm eine geniale Begabung.

Manche erwarteten wohl eine gewisse Aufmerksamkeit. Dem musste Rechnung getragen werden. Darauf legte auch der Senat von Berlin Wert und das Schiller-Theater war ja ein nicht unwesentlicher Kostgänger Berlins. Und so musste sein, was Barlog so ungern gehen ließ – Er drückte sich zwar vor diesen Begegnungen, aber ein Vertreter musste da schon vorhanden sein, zum Empfang, zur Begrüßung, Sekt, Reden und so weiter und wer war sein Vertreter in diesem Falle – nun, wer wohl – natürlich ich, der Tettenborn.

Ein Mann für alle Fälle –

Der Empfang dieser Prominenten fand in der Theaterpause statt – in der großen Theaterpause. Sie wurde hierfür künstlich verlängert – auf vierzig bis fünfundvierzig Minuten.

Wir spielten den „Hauptmann von Köpenick“ von Zuckmayer. Werner Kraus war der Hauptmann von Köpenick – ein grandioser Schauspieler – aber auch die anderen große, herrliche Schauspieler. Für dieses Stück möchte ich zwei Schauspieler herausheben – Martin Held als Bürgermeister von Köpenick hier als preußischer Reserveoffizier und seine Bühnenehefrau Berta Drews, die Witwe von Heinrich George und die Mutter von Schimanski, wie sie später lachend ab und zu sagte.

In der Vorstellung waren der ‚Hohe amerikanische Kommissar“, ehemaliger Rektor der Harvard-Universität, Muster McCloy und Frau und der Minister für gesamtdeutsche Angelegenheiten Kaiser mit Gattin. Sie waren mein Pausenessen.

Die Pause rückte heran. Ich hatte vorher mit Werner Kraus gesprochen und ihn wissen lassen, dass Barlog wollte, dass er, Martin Held und Berta Drews beim Empfang anwesend waren. Das verwehrte mir Werner Kraus. Er wollte in der Pause in die Kantine zu einem Schnaps und Bier. Meine Überredungskünste fruchteten wenig. So bat ich Martin Held und Berta Drews um Unterstützung. Die Pause begann und es kam genau so wie erwartet. Kraus wollte die Flucht in die Kantine ergreifen, aber wir drei erwischten ihn noch an der Kantinentreppe. Wir hielten ihn fest – ich muss schon sagen – wir schleppten den protestierenden Kraus, den Schuster Voigt, ins Empfangszimmer. Er wollte noch immer sein Bier und seinen Schnaps. Das ließen wir nicht zu.

Dann war es soweit – McCloy und Kaiser mit Begleitung erschienen. Der Sekt schäumte, meine Ansprache, mein Willkommensgruß – gnädig aufgenommen. Sie begrüßten die Schauspieler, wobei mir erst jetzt die ungewollte Komik des Bildes deutlich wurde. Da stand nun der Hohe Kommissar vor dem armselig anzusehenden Schuster Voigt, beziehungsweise Kraus, neben ihm ein preußischer Offizier in Uniform und Berta Drews in einem wilhelminischen Nachthemd. Doch ein Lächeln – versteckt, versteht sich, verging mir schnell, denn der Schuster Voigt, Werner Kraus drängte zur Aktion.

Nun muss hier vorausgeschickt werden, dass Werner Kraus endlich wieder Spielerlaubnis erhalten hatte – Er hatte bis dahin Auftrittsverbot nach 1945 wegen seiner Rolle in „Jud Süss“. Hier hatte er einen Juden gespielt – eine künstlerische Glanzleistung – aber eben gerade deshalb und weiter. Ihm war in seiner augenblicklichen Situation nur eines zu raten, sich möglichst bedeckt zu halten und nur nicht aufzufallen. Aber gerade dies geschah jetzt.

Er fragte plötzlich McCloy ob er Hitler kenne. Ich glaube, in diesem Moment war ich einem Herzinfarkt nahe. Aber ich konnte nichts mehr ändern – das hätte es womöglich nur noch schlimmer, noch peinlicher gemacht.

McCloy stutzte, wenn man es vorsichtig formulieren will – und nach einer langen Pause meinte er auf die Krausfrage, ob er Hitler kenne mit „Nur von Büldern.“

Kraus: Na, denn kennen se sicher ooch Göring?

Auch das bestätigte McCloy – „Nur von Büldern“. Und Krauss weiter: Na, da bin ick nun sicher, denn kennen se ooch Göbbels.“ Auch das bestätigte er mit der Bülder-Antwort. Aber wozu das alles? Nun erfuhren wir es. Krauss fuhr fort: Nu stellen se sich mal vor, die dreie stehn unterm Rejenschirm un der Rejenschirm hat’n Loch. Wer von den dreien wird nass?“ Ich hatte längst aufgegeben, etwas zu unternehmen, einzugreifen.

Da standen sie nun die hohen Herren mit ihrer weiblichen Begleitung und grübelten vor sich hin. Da hatte also der Krauss tatsächlich den Hohen Kommissar, den ehemaligen Rektor der Harvard-Universität zum Nachforschungsdenken gebracht. Das Ergebnis verkündete der Hohe: „Ich weiß es nicht.“ Krauss lachte und sagte: „Keener.“ Der Hohe: „Wieso?“ Krauss: „Es hat nich jeregnet.“ Damit ging er ab – einfach so – wie auf der Bühne. Niemand hielt ihn auf. Er ging kichernd ab. Ich versuchte den hohen Herrschaften klar zu machen, dass ein so großer Schauspieler in der Pause nicht einfach seine Rolle ablegen könne, dass er hier einfach seinen Part weitergespielt hatte. Dem wurde wohlwollend zugenickt. Glücklicherweise. Nach einem weiteren Glas Sekt, ließ ich die Pause klingeln. Pause zu Ende. Abgang der Hohen.

Ich habe mich danach auf den Fußboden des Theodor-Heuss-Zimmers gesetzt und allein und einsam eine ganze Flasche Sekt ausgetrunken. Danach erschien mir das Ganze nicht mehr so schlimm.

Zu dem Schauspieler Werner Krauss – Ich habe oft mit ihm in der Schiller-Theater-Kantine zusammengesessen. Er hat mir auch von dem Film „Jud Süss“ erzählt und seiner Mitwirkung. Er hatte ursprünglich abgelehnt, aber nach hartem Drängen nachgegeben – und es war ja auch eine großartige Rolle. Schließlich sagte er eben doch ‚Ja‘.

Er sagte, er habe darin nichts politische gesehen – nur die Herausforderung als Schauspieler. Und – sage einer was er wolle – ich glaube ihm. Und er war ja auch nicht gerade eine Geistesleuchte. Deshalb sei dazugesetzt. Es gibt zwei Extremtypen von Schauspielern: Der eine, der Kopfschauspieler, der Intellektuelle – dafür nenne ich als Prototyp Gustav Gründgens – und der andere, das ist der Bauchschauspieler – der trifft eine Rolle oder sie ihn und wenn er dabei auf der richtigen Linie ist, dann ist er unschlagbar – dann ist er einmalig – das ist der Krauss-Typ.

Bekannt ist von ihm, dass er sich immer wieder einmal auf die Bühne schlich, in eine Szene mit der er nichts zu tun hatte – einer, der überhaupt nicht zu dem Stück gehörte - jedes mal verkleidet als etwas seltsames – Das brachte die jeweiligen Schauspieler natürlich aus ihrem Takt – da gab es ein Kippen, ein Kippeln der Sache – und das Lachen sitzt locker auf der Bühne. Und vieles anderes erfuhr ich von ihm – ein quirliger, lustiger Gaukler – ja, und alles da – ja, das glaube ich ihm. Das steht in seinem So-Menschsein, seinem Schauspieler-Dasein.

Ein anderer Empfangsabend während eines Theaterstücks im Theodor-Heuss-Zimmer hat mich besonders beeindruckt. Es geschah während einer schillerschen ‚Räuber‘-Aufführung – eine Fritz Kortner-Inszenierung. Hier wurde unter seinen Händen Bühnentheater – Leben. Unvergesslich für mich. Welch ein Theater, welch ein Regisseur, hätte das schon überbieten könne? Meine Empfangsgäste waren diesmal Otto Hahn und Lise Meitner – zuständig für Atomphysik und Kernspaltung –das ging zurück bis in die dreißiger Jahre. Die beiden waren für mich und wohl auch den meisten anderen schon eine Legende. Und wieder einmal war ich erstaunt, sie gaben sich so natürlich, so selbstverständlich – da blieb keine Scheu und kein aufgestellter Respektsabstand. Wir sprachen, erzählten uns – auch ganz banales – ein Mensch wie ich und Du – aber, aber das waren sie eben nicht. Aber so erschien es nach und nach. Trotz allem – es blieb für mich auch eine übergroße Begegnung.

Und bevor Otto Hahn nach der Pause wieder zu dem „Vorhang auf!“ schritt, bot er mir an, ihn zu besuchen. Er wolle mir einiges aus seiner Forschungsarbeit zeigen – das sonst nicht zu sehen ist. Ich solle ihn anrufen.

Und hier muss ich mich beschimpfen. Ich habe es nicht getan. Zugegeben, es war zu diesem Augenblick schwierig für zwei, drei Tage Theater Theater sein zu lassen. Aber letztenendes hätte ich es erzwingen können – und, da bin ich ganz sicher, Barlog hätte es schließlich abgesegnet.

Ich habe es nicht getan. Ich hadere heute noch mit mir hin und wieder darüber.

 Ach ja - eines gehörte für mich nach den Empfängen zu meinen Pflichten. Ein Pflicht-Berichts-Anruf bei Barlog. Meist war er ganz zufrieden. Dieser Job blieb mir, da war ich ganz sicher. Ich musste nur immer den richtigen Zeitpunkt für meinen Barlog-Anruf herausfinden. Manchmal war auch Hertha, seine Ehefrau, am Apparat. Da wusste ich, der Meister war noch tätig. Und tätig hieß hier, er stand noch in seiner Wohnung am Dirigierpult und dirigierte Opern oder Symphonien. Zu Haus – im Wohnzimmer zu Schallplattenaufnahmen. Am besten war es, ihm immer erst danach anzusprechen. Daran hielt ich mich auch.

Fast habe ich es vergessen. Inzwischen waren wir umgezogen – aus dem möblierten Zimmer Nestorstrasse 1 in die Olympische Straße in Charlottenburg. Das war eine Folge, eine späte Folge meines „Perspektiven“-Erfolges. Gönner hatten uns aus der Nestorstrasse gerettet. Hier hatten wir im Parterre dieses hochherrschaftlichen Hauses ein Zimmer, ein Bad und mit einem anderen Mieter eine gemeinsame Küche. Das Zimmer war Wohnzimmer, Schlafzimmer und Esszimmer in einem. Und nun auch schon mit den ersten eigenen Möbeln. Und außerdem – der Weg zum Schiller-Theater war nun denkbar einfach. Die U-Bahn war direkt vor der Haustür.

Am Anfang der Olympischen Straße, an einem Platz, gab es eine kleine Eckkneipe. Dort machte ich oft Halt nach meinem Schiller-Theater. Und dort traf ich zum ersten Male Claire Waldoff, die bekannte Chanson-Sängerin mit der Reibeisenstimme. Es war ihre Stammkneipe. In den dreißiger Jahren – bis hinein zu den Nazis war sie der Krächz-Rabe von Berlin. Den Nazis war sie verdächtig. Sonst aber von allen geliebt. Ein Star ohne Allüren – eine Frau aus dem Volke. Ich habe immer noch eines ihrer bekanntesten Chansons im Ohr:

Hier Lamette, da Lametta,

und der Bauch wird immer fetta,

in der Luft, das is er Meester,

Hermann heest’r

Hermann heest’r

Das ging auf Göring, aber der war klug genug das hingehen zu lassen. Ja, es gab ihm sogar etwas – Das aber wollte sie bestimmt nicht.

Wir trafen uns oft – oft war meine Gisela dabei. Sie immer bei einer Molle und einen Kurzen und noch einen danach. Barlog wollte sie haben zu einem Chansonabend – zu mehreren Chansonabenden. Sie sagte ihm „Nee“ - - „nich mehr mit mir“ – „Det hab ick hinter mir. Nu will ick mir nur noch amüsieren“ – Und recht hatte sie.

Es war ein Begegnungserlebnis, das ich nie vergessen werde. Eine imponierende Frau, eine herrliche vollsaftige barocke Persönlichkeit.

Diesen Schluck auf Dich, Claire –Prost!! Prost!!“

Eines sei hier noch am Rande vermerkt. Meine Schiller-Theater-Gage war nun auf 750 Mark plus Spielgeld gestiegen. Meine Endgage – am Schluss meiner Schiller-Theater-Zeit betrug schließlich 1000 Mark – in meinem zehnten Barlogjahr. Das hätte mir einer mal am Fluchtankunftstage sagen sollen. Nun, das Gelächter hätte dann selbst meine SED-Feinde in Erfurt und woanders erreicht.

Fritz Kortner - Das Schiller-Theater-Problem

Ein Mann für alle Fälle – immer wieder – Ein Regisseur, der spätere Generalintendant des Theaters Liekau, hatte mich als seinen Regieassistenten angefordert. Ich sträubte mich zunächst. War das nicht ein Abstieg? Ich hatte ja schon eine Menge Stücke inszeniert – auch große – und nun – Es war kein Abstieg. Bei einem der großen Regisseure assistieren zu dürfen – das war letztendlich ein Geschenk –

Fritz Kortner 1962 (Foto Croner: Ullstein/Getty)
Fritz Kortner 1962 (Foto Croner: Ullstein/Getty)

Im Theater gab es nun plötzlich ein Problem, ein großes Problem – und dieses hieß Fritz Kortner. Er hatte schon im Schiller-Theater inszeniert, aber schon bei seiner ersten Regie gab es Riesenkräche. Er beleidigte die Schauspieler, die Techniker. Ihm wurde viel verziehen angesichts dessen was er als Fluchtjude vor den Nazis in den USA erleben musste. Er war zwar in den USA und in Hollywood angekommen, aber was hieß das schon. Seine jüdischen Kollegen nahmen ihn zwar auf – er war ja immerhin ein berühmter deutscher Schauspieler gewesen – sie erhielten ihm eine gewisse Lebensexistenz, aber wie – Er wurde von den Filmleuten zum Gag-Mann ernannt. Das war für ihn eine tiefe Erniedrigung. Eigentlich nicht annehmbar. Aber ihm blieb nichts anderes übrig. So war das eben. Auch Piscator erzählte mir von seinem Leben nach seiner Flucht nach USA. Er war ja der berühmte, rote, revolutionäre Regisseur der zwanziger-dreißiger Jahre. Nun gaben sie ihm wieder ein Theater in Amerika – aber es war fast schon ein Hohn – es war ein Therapietheater für traumatisch gestörte Soldaten. Sie mussten dort zu ihrer Heilung ihr Leid abspielen – unter Piscators Leitung. Piscator und ich – wir hatten viel Zeit füreinander während seiner Inszenierung im Schiller-Theater von „Krieg und Frieden“. Und er erzählte gern – auch von dieser Unzeit. Eines hat mich einmal bei ihm irritiert. Er demonstrierte mir auf einem Papier eine Regieidee von ihm. Er wollte eine Wendeltreppe auf die Bühne stellen, die immer schmaler werde und am Schluss in eine Fahne münde. Die Idee stand - er suche nur noch ein Stück das dazu passe. Nun ich dachte – erst das Stück und dann die Idee zum Stück – aber – warum eigentlich nicht umgekehrt.

Barlog bestellte mich in sein Chefzimmer – der Generalintendant und sein Vasall. Na, ganz so war es auch nicht. Von ihm zum Rapport oder was auch immer ähnlichem bestellt zu werden, war immer auch eine Magensache. Ein wenig Angst und Unsicherheit. Als sein Gesprächspartner war ich ihm wohl nicht zugeteilt. Es konnte durchaus Ungutes da warten, selten etwas Gutes. Hingehen, Abwarten im Vorzimmer. Eintritt. Sesselerlaubnis. Der Herr hatte ein Begehr. Es ging um Kortner und die Unruhe im Theater. Er brauchte dazu einen Katalysator oder etwas dergleichen. Mich hatte er dazu erzählt. Ich sollte am nächsten Tage an der rechten Seite von Kortner sitzen – ohne irgendeine besondere Aufgabe – nur zu einer möglichen Glättung gedacht. Ich sträubte mich. Das hieße ja, so sah ich es, nach allem was ich wusste, abkommandiert als Häftling auf Zeit nach Sing-Sing. Mein Sträuben half mir nichts, zumal mir Barlog zusagte, mich sofort abzulösen, wenn ich es denn wünschte.

Mit flauem Magen am nächsten Tag bei Kortner. Er wusste von der Abmachung und schien dazu ein wenig amüsiert. Er bot mir den Platz an seiner Seite, an seiner rechten Seite, an. Und da saß ich nun – Tage, Wochen – und es wurde immer interessanter. Kortner diskutierte mit mir seine Inszenierungen – unglaublich, aber so war es. Und er hörte mir zu, lachte manchmal dazu und erklärte weiter. Und ich begann Gefallen an meiner Sonderrolle zu finden – zumal mich Kortner wirklich und in kaum fassbarer Weise annahm. Warum? Ich weiß es nicht. Er ging ansonsten furchterregend mit seiner Bühnenumwelt um – nicht mit mir, niemals mit mir. Ich war sein Zwerg-Genosse. So nannte ich es manchmal – aber hin und wieder war ich wohl auch mehr für ihn. Er hatte Charme, manchmal einen bösartigen. Er erzählte mir einmal in der Kantine bei einem Bier, dass es ihn gelüste einmal die ‚Nibelungen‘ von Hebbel zu inszenieren. Auf meinen erstaunten Blick – natürlich nur in Sonderausgabe – mit dem Schauspieler Bois als Siegfried. Nun – das war denn doch – Bois war ein schmaler, kleiner jüdischer Schauspieler – alles andere als eine Heldenfigur. Nun erklärte es sich mir – es sollte eine Verhöhnung sein. Darauf konnte ich nur ein Lachen setzen. Das akzeptierte er mir – schulterschlagend.

Was ich ihm jedoch übel nahm – er war ja unbestritten ein großer Schauspieler und jetzt noch ein genialer Regisseur – er hätte es nicht nötig gehabt, den Peitschenherren zu spielen – ein bisschen Rache – aber was ich ihm übel nahm, dass er sich immer nur mit Schauspielern der mittleren oder kleineren Kategorie bösartig anlegte oder mit dem Bühnenpersonal, den Technikern – nie mit den großen Schauspielern, nie mit den Theaterstars.

Die Großen schwiegen zu seinem Verbalfolterspiel – mehr – sie duldeten es. Wortlos. Kortner inszenierte bei uns den „Hamlet“ – eine einmalige großartige Inszenierung. Aber da gab es einen kleinen Chargen-Spieler. Er hieß Wolfgang Kühne. Er war ein schlechter Textlerner. Er schrieb sich Texteselsbrücken, wenn es nur ging, auf seine Manschetten oder in seine Handflächen. Er hatte sich auf Kortner vorbereitet. Er war extra für ihn, für diese Inszenierung, in der er den ersten Schauspieler spielte, er war extra dafür in die deutsch-israelische Gesellschaft eingetreten. So etwas war für Kortner total unwichtig. Kortner stoppte ihn bei einer Probe. Er kam gemächlich, genüsslich, möchte ich sagen, auf die Bühne, baute sich vor Kühne auf. Der Dialog, nein, der Kortnermonolog spielte sich in etwas so ab:

Kortner: Ich möchte Ihnen etwas verraten, was Sie bisher offensichtlich noch nicht erfahren haben. Das Stück, mein Stück, unser Stück, das heißt „Hamlet“, nicht Ballett. Können Sie mir überhaupt folgen – vielleicht ist diese geistige Ausschweifung für Sie zu hoch, Herr –

Kühne: Kühne, Herr Kortner.

Kortner: Schüne also –

Kühne: Nein, Kühne, Herr Kortner.

Kortner: Rühne oder – Meinetwegen – Bühne kann es ja wohl nicht sein. Ich habe so meine Schwierigkeiten mit Ihnen. Vielleicht überfordere ich Sie damit – ich meine mit dem allem, dem allen hier – vielleicht überfordere ich Sie total. Ich glaube es beinahe. Ich will Ihnen einmal zeigen was ein Schritt ist. Haben Sie von diesem Begriff ‚Schritt‘ schon einmal gehört?

Kühne: Ja, Herr Kortner.

Kortner: Nun, das erleichtert es etwas! Sehen Sie, das hier, das ist der rechte Fuß. Können Sie mir noch folgen? Fuß!!

Kühne: (nicken)

Kortner: Nun heben Sie diesen Fuß einmal an – das macht man so. Ja. Das ist erstaunlich gut. Nun führen Sie diesen Fuß nach vorn und setzen ihn auf die Erde. Das würde ich einen halben Schritt nennen. Sie müssen es nicht begreifen, wenn Sie es nur einigermaßen vollziehen könne – Vollziehen!! Nun das gleiche mit dem linken Fuß. Gut. Sehen Sie, das nennt man einen Schritt. Ich bin mir nicht ganz sicher, dass Sie das begriffen haben. Aber – versuchen wir es noch einmal.

Kühne: (schweißüberströmt) Jawohl, Herr Kortner.

So ging es oft. Da blieb nicht viel von einem Menschen. Ein Schauspieler rettet sich einmal vor ihm. Er hatte Auftritt, sagte zwei Sätze, hielt an, zu Kortner gewandt. „Schon falsch. Ich weiß, ich weiß.“ Das machte er viermal, dann warf Kortner ihn aus. Der Schauspieler trat an die Rampe: „Danke, Herr Kortner.“

Dennoch, dennoch. Von diesem großen Regisseur habe ich viel gelernt. Und er merkte das. Eine kleine amüsierte Genugtuung. Ich war für ihn Persona grata. Wie gesagt, ich weiß nicht warum. Mir hat er nie – nie – auch nur das Geringste angetan. Und so kam, was kommen musste – Kortner bestand bei Barlog darauf – keine Schiller-Theater-Inszenierung von ihm ohne Tettenborn an seiner rechten Seite.

 Natürlich war ich für das Theatervolk Objekt der neugierigen Begierde. Nach der Probe warteten sie schon auch mich und meinen Bericht über den Probenablauf.

 Verrückt – verrückt das alles –

Kortner Inszenierungen hatten immer eine überlange Probezeit. Für gewöhnlich dauerten die Proben bis zur Premiere etwas zwei Monate – höchstens. Bei Kortner wurden es drei Monate, manchmal auch mehr. Das lag nicht zuletzt an Kortners Art der Inszenierungen. Ich habe es jedesmal hautnahe erlebt. Manchmal hat er vierzehn Tages lang an zwei Seiten Text probiert. Er ließ seine Vorstellung von der Szene vorspielen und verwarf sie meistens nachdem er die Verwirklichung gesehen hatte – Es dauerte lange bis er etwas akzeptierte. Er spielte damit, bis eine mögliche Vollkommenheit erreicht war. Was dabei herauskam war allerdings dann höchste Klasse. Für mich eine Lehr- und Meisterschule allererster Art.

 Wer die Hölle noch nicht kannte, der brauchte nichts um sie zu finden, er musste nur Regieassistent bei Kortner werden . . Meistens gab es zwei Regieassistenten. Er degradierte sie schließlich dann zum Kaffeeholer aus der Kantine. Wieder einmal waren zwei der ärmsten der Armen links von Kortner, im Zuschauerraum, niedergefahren zur Hölle. Die Regieassistenz übernahm nun Imo Moskowicz, nach Abschluss seiner Schlossparktheater-Inszenierung. Er hörte sich nur kurze Zeit an was Kortner mit diesen Theaterleuten trieb, dann trat er an die Rampe und sagte zu Kortner mit lauter Stimme: „Was Sie hier mit den Menschen machen, das habe ich nur einmal in meinem Leben erlebt und das war im KZ von den Nazis.“ Kortner rührte sich nicht. Alles ging weiter. Dann, nach einigen Tagen, wurde Moszkowicz abgelöst und Kortner war wieder auf freier Wildbahn. Da gab es plötzlich ein technisches Problem. Einige Versatzteile, die Wände, Türen, Möbelstücke markierten, waren von der Theaterwerkstatt nicht rechtzeitig abgeliefert worden. So etwas gab es – das regte niemanden auf, dann wurden sie herangebracht – aber dadurch verzögerte sich ein wenig die Aufstellung der Versatzteile. Doch Kortner dazu – schreiend: „Da sind sie ja wieder, diese Nazisaboteure.“ Das löste eine unerwartete Reaktion aus. Einer der Bühnenarbeiter trat an die Rampe und schrie Kortner zu: „Du Judensau!!“ Nein - - - ich dachte, das Schiller-Theater bricht zusammen. Barlog verfügte eine fristlose Entlassung, aber die gesamte Bühnentechnik stellte sich hinter ihren Kollegen. Wenn Entlassung – dann sie alle. Kortner war geflohen. Aber nach zwanzig Minuten war er wieder da. Und seltsam – alles ging weiter als wäre nichts geschehen.

Curt Bois und Fritz Kortner im Schiller-Theater 1959 - 'Die Räuber' (Bundesarchiv: P047613)
Curt Bois und Fritz Kortner im Schiller-Theater 1959 - 'Die Räuber' (Bundesarchiv: P047613)

Ja. Kortnerinszenierungen hatten lange Probevorläufe, aber dann – Der bedeutendste Berliner Kritiker, der Schnellsprechkritiker im Radio, Luft, ließ nach der Premiere von „Was ihr wollt“ über die Kortner-Inszenierung hören: „die Sterne Shakespeares tanzten über dem Schiller-Theater.“ Ja – das war vollkommenes Theater – mir hat das Maßstäbe gesetzt für mein ganzes Leben.

Begegnungen mit internationalen Bühnenschriftstellern

Aus meiner Schiller-Theater-Zeit, gibt es noch einiges zu berichten. meine Kunstabenteuer von dort – das war etwas völlig herausgehobenes, etwas einmaliges – ein großes Geschenk auch. Meine Begegnungen mit der Elite der internationalen Bühnenschriftsteller.

Es ist eben eine große Fülle von Erlebten, Dagewesenen. Ja – ich bin ihnen begegnet, habe sie gekannt und bei einigen war auch ein bisschen mehr – Die Großen, die hochberühmten Bühnenschriftsteller, die Weltbühnenleute – Und so etwas, das hinterlässt Spuren, das lässt sich ja denken.

Also noch einmal zurück zu meiner Bühnen-Universität, zur Dramatikerakademie – zum Schiller-Theater, Berlin.

Mir fällt als erstes meine Begegnung mit Samuel Beckett ein. Er war zur deutschen Erstaufführung seines Theaterstückes „Warten auf Godot“ im Schlossparktheater gekommen. Das Schlossparktheater war in einer Gemeinschaft mit dem Schiller-Theater unter Barlogs Leitung. Rosemarie Koch war zuständig für die französische Dramatikergarde, für die großen französischen Theaterstücke. Ein Besuch bei Beckett, früh, zur Frühstückszeit, um ihn zu geleiten – ihn zur Probe für sein Stück im Schlossparktheater zu bringen. Da saß er nun der Große, der Berühmte – Rosemarie Koch in Bewunderung vor ihm. Da saß er nun, ein Glas Wasser vor sich auf dem Tisch. Und die begeisterte Rosemarie sagte zu ihm, dass sie es großartig und konsequent fände, dass ein Mann wie er, ein Nihilist dazu, zum Frühstück Wasser tränke. Er lächelte nur und bot ihr an, einen Schluck von seinem Wasser zu trinken. Es war Schnaps, purer Schnaps. Ein Lachen von ihm dazu. Er schrieb seine Stücke in französischer Sprache, obgleich er Ire war und sich somit die englische Sprache anbieten würde. Er sprach auch recht gut deutsch – das hat mich mit meinem Kleinbrockenfranzösisch gerettet. Aber dieser Mann – ein Erlebnis, schon ein Erlebnis.

Oder – Jean Genet - dieser quirlige, schmale, kleine Mann. Er verbarg überhaupt nicht, dass er ein Schwuler war. Er war eben wie er war – und damit basta. Damit hatte man sich abzufinden. Mit ihm durch die Berliner Kneipenwelt, abends, nachts zu ziehen. Welch Herrlichkeit. Er blieb in keinem der Lokale lange sitzen – das war auch an jenem Nachtabend so – aber dann gerieten wir in eine ziemlich miese Berliner Eckkneipe und als ihm beim Zustieg in diese Kneipe ein Besoffener in die Arme fiel – Da war es richtig hier für ihn. Hier blieb er dann sitzen – und Alkohol – Er vertrug schon einen gehörigen Stiefel.

Der junge amerikanische Bühnenautor Albee war zu Gast bei uns. Wir spielten seine „Zoogeschichte“. Ich habe nicht herausgekriegt, ob er sich in Berlin wirklich wohl fühlte, obgleich er das ohne große Überzeugungskraft, immer wieder mal sagte. Aber – andererseits – die Berliner Damen und er – da gab es schon Überkreuzungen – Nichts mehr davon. So schlecht ist es ihm jedenfalls nicht gegangen – Wer Bescheid wusste, der konnte seine Aussagen über diese Stadt – das hohe ‚Ja‘ und das kleine ‚Nein‘ – nur noch schmunzelnd zur Kenntnis nehmen – Redereien – Begegnungen – kleine Gemeinsamkeiten – aber dann wieder auch schnell vorbei.

Brendan Behan, ein irischer Autor. Wir spielten im Schiller-Theater sein „Der Mann von morgen früh“. Er brachte seine Frau mit. Sie war Bildhauerin. Wir holten sie vom Flughafen ab. Und wir hatten Angst vor diesem Iren. Er war ein starker Trinker und galt als unberechenbar. Seine Frau versicherte uns, für einen Iren tränke er wenig. Was immer das auch heißen mag – Wie waren gewarnt und so würde ich – wieder einmal ein Mann für alle Fälle – Barlogs Stellvertreter Albert Bessler zugestellt, um Behan abzulenken – ich scheue mich nicht, zu sagen ‚unschädlich zu machen“. Und so zogen wir dann, nachdem der Vorhang aufgegangen war, selbdritt in eine Kneipe an der Theaterecke zurück, in die Schillerklause. Wir drei, wie gesagt, Behan, Bessler und Tettenborn. Wir halfen kräftig, ihm eins und noch eins auf die Nase kippen. Wir hofften auf eine Art von Alkoholbetäubung. Er trank es weg, als ob es Wasser wäre. Dann begann er plötzlich zu singen – irgendein irisches Lied. Das missfiel einem jungen Paar. Er stellte sich drohend – so mussten sie es empfinden – vor sie hin und begann noch einmal sein Lied und tanzte vor ihnen. Sie hatten sie Köpfe etwas eingezogen. Aber der Autor, der irische Trinkkünstler drängte nun zum Tatort, zu seinem Stück auf der Bühne. Dem konnten wir uns nicht entziehen. Also wieder Schiller-Theater, Fahrstuhl zur Kantine – noch einen Schnaps und noch einen. Nein, er wollte zur Bühne, er wollte etwas von seinem Stück sehen. Wir fuhren im Fahrstuhl in den ersten Stock und gingen in Barlogs Zimmer. Auch da stand einiges von Schnaps bereit – und so ging das ein paar Mal. Dann konnten wir ihn nicht mehr halten.

Der Schlussapplaus war stark und Brendan fühlte sich nun berufen zum Dankesauftritt. Da stand er nun vor seinem applaudierenden Publikum, beide Händen in den Taschen, ohne eine Verbeugung zum Publikum – nur sehend und blickend. Das aber irritierte offensichtlich das verbeugungsgewohnte Publikum. Das merkte Brendan und als noch einige riefen “Hände aus den Taschen“! – weiß der Teufel ob er das wörtlich verstanden hat – da drehte er sich um – mit dem Hintern zum Publikum und verbeugte sich. Das war eine Provokation. Wir konnten ihn irgendwie wieder von der Bühne holen. Danach – der Spektakel, das Spektakel ging weiter. Meine Gisela, die in der Vorstellung war, stieß zu uns. Brendan hob ihr das Kleid hoch, applaudierte und lachte. Gisela lachte mit und noch einiges andere – dann war es ausgestanden – und nun ging es noch eine ganze Strecke in die Nacht hinein – dann war für mich Brendan Behan abgetreten.

Arthur Miller tauchte auf – einmal auch Böll. Der ein kleines Theaterstück für uns geschrieben hatte. Ich wartete mit ihm in Besslers Zimmer auf Bessler und Barlog. Und so hatten wir zwei so nahezu zweieinhalb Stunden Kaffeezeit. Wir kamen ins Plaudern – es richtig vergnüglich und wohllaufend, aber dennoch habe ich mich während dieses Gespräches auch einmal geärgert. Ich hatte seine wundersame Kurzgeschichte „Doktor Murkas gesammeltes Schweigen“ gelesen. Meiner Lobrede, meiner berechtigten Lobrede, setzte er entgegen, er habe damals noch nie eine Sendeanstalt von innen gesehen. Das jedoch war nach dieser Geschichte unmöglich – dazu war die Geschichte viel zu maßgenau und professionell beschrieben. Hatte er das nötig – nun, ja – erkenne die Menschen - - wer weiß sie – Aber immerhin – es war im Ganzen eine für mich gute Begegnung und wir hatten später auch einen Briefwechsel.

Dürrenmatts Theaterstück „Besuch einer alten Dame! Mit Minetti und der Käthe Dorsch stand bei uns zur Erstaufführung an und brachte damit Dürrenmatt für uns zum Vorschein. Ein queriger Mann, ein unbequemer Mann – einer mit mürrischem Humor – außer der Linie also schon. Auch Grass und Walser standen im Schiller-Theater neben, vor und mit mir.

Grass und Walser. Ein Einakter von Grass und auch von Walser so etwas. Man hätte es lassen sollen – Aufführungen in der Schiller-Theater-Werkstatt, eine kleine Bühne im Schiller-Theater – Man hätte es lassen sollen. Aber da sie nun einmal dazu gehörten zum großen Literaturzirkus – da wurde es eben gemacht. Da konnte auch eine Schiller-Theater-Dramaturgie nichts aufhalten – Und die Qualität – man konnte es hinnehmen.

Doch noch einmal zurück zu Dürrenmatt. Über ein Theaterstück von ihm „Ein Engel kam nach Babylon“ , eine deutsche Uraufführung, wäre es beinahe zu einem Eklat zwischen mir und Bessler gekommen. „Ein Engel kam nach Babylon“ sollte eine Trilogie werden. Uns lag der erste Teil zur Uraufführung vor. Mein Urteil über das Stück war negativ. Ich fand es unausgewogen, artifiziert, gewollt ohne einen richtigen Fluss aus sich selbst. Da hatte ich aber etwas gewagt. Ich hatte es doch tatsächlich gewagt, den berühmten Dürrenmatt abzulehnen – Und der Schweizer Autor wollte uns sogar die deutsche Uraufführung geben, was natürlich dann auch hieß, dass die beiden anderen Teile der Trilogie gespielt werden mussten. Ich habe mein Urteil arglos und nach besten Gewissen abgegeben, ohne den großen Namen bestimmen zu lassen. Das hätte ich aber besser sein lassen sollen, wie sich nun zeigte. Vier andere Dramaturgen der Schiller-Theater-Dramaturgie hatten jedoch das Stück hochgelobt. Nur ich – Waren sie eingeknickt vor dem großen Namen, vor der Berühmtheit? Ich wusste nicht wie die anderen geurteilt hatten. Bessler bestellte mich zu sich ein. Ich saß in seinem Zimmer, ihm Auge in Auge gegenüber. Nun wollte er von mir wissen, wie ich dazu gekommen sei, dieses Theaterstück so harsch abzulehnen, während alle anderen fast nur positives gefunden hätten. Ja was soll man da sagen. Einfach, das sei meine Meinung. Und ich hoffe doch, dass er mich nicht zum Kopfnicken engagiert habe. Das musste er gelten lassen. Das Theaterstück hatte dann seine Uraufführung in München – mit flauem Gefühl von den Schiller-Theater-Leuten verfolgt. Wenn es ein Erfolgt würde, ein großer sogar – dann – ja dann hatten sie nicht nur das Nachsehen, dann hätten sie sich auch noch in der Theaterwelt blamiert – So sahen sie das – An Erfolg oder nicht hing nun auch ich – ganz unbeabsichtigt. Das Stück fiel durch. Es blieb bei diesem einem Stück – eine Trilogie entstand nicht. Und ich – ich war famos raus – Man braucht in diesem Leben Pluspunkte um zu überleben.


Schiller-Theater, Heft 78, 1958-1959 - Fiasko - Rolf Henninger/Walter Franck
Schiller-Theater, Heft 78, 1958-1959 - Fiasko - Rolf Henninger/Walter Franck
Schiller-Theater, Heft 78; 1958-1959 - Das Käthchen von Heilbronn - Erich Schellow/Johanna von Koczian
Schiller-Theater, Heft 78; 1958-1959 - Das Käthchen von Heilbronn - Erich Schellow/Johanna von Koczian


Tettenborns Lohntüte aus dem Jahr 1959
Tettenborns Lohntüte aus dem Jahr 1959