Was ist Theater

Fragen - Fragen - Antworten auch - Enträtselungen - noch nie ganz und gar gelungen - -

  Theater - das ist ein Publikum vor einem Zauberkasten, einem magischen Raum. Und wenn sich der Bogen zum lebendigen spannt von der Bühne zu den Zuschauern, dann ist der magische Bogen gespannt, der eine Aufführung zum berührenden Erlebnis macht - dann ist das eben nicht nur ein Spiel dort auf der Bühne - nein, da stellt sich etwas Wahres, etwas, das über eine Bühnenillustration hinausgeht, da stellt sich etwas in eine neue Wahrhaftigkeit.

 

  Wenn wir uns begreifen können als das, was wir wohl sind - als ins Leben gesetzte Spieler - alle, wir alle - in unsere Welt gebracht, spielgeschminkt und kostümiert von Beginn an bis zum Totenhemd - Wenn wir das begreifen, einsehen können, dass wir nur Spieler sind in einer Welt der Spiele, in den uns zugestellten Kulissen - den jeweiligen Weltkulissen. Es sei erlaubt, das einmal zu sagen. Und wer führt das Regie -  - ? Ja - das Spiel spielt mit uns - und irgendwann einmal - hin und wieder - blitzt da eine Ahnung durch - ein Sekundenwissen - weggewischt dann - ja, ja - unsere Begrenzungen - 
  Das Theater, es ist eine Ergänzung zu unserem Leben, zu unserem Lebensraum, zu unserer Erfahrungswelt. Es führt uns ins Abläufe, in Situationen, die nicht eigenerlebt sind - mangels Gegebenheiten - Jetzt aber, hier auf der Bühne vor den Augen, den Ohren der Zuschauer - 

 
Das Goethewort fällt mir dazu ein: "Erwirb es, um es zu besitzen." Die Erfahrung also, meist nur die Erfahrung, stellt unser Leben auf die Ebene, der wir zugehören müssen. Das Theater ist die Ergänzung - es ist zugebracht dazu. "Erwirb es, um es zu besitzen." Das Kinderspiel macht es deutlich. Ein Kind fasst eine heiße Herdplatte an und verbrennt sich die Finger. Das wird es nie mehr tun - es hat etwas Neues erfahren und besitzt nun dieses Wissen und wird es nutzen. Das Theater ist so eine heiße Herdplatte - verzeihen Sie mir diesen banalen Vergleich - es öffnet uns eine neue Wissensperspektiven über etwas Bühnengespieltes - und führt uns schließlich zu neuen Erfahrungen - zu neuem Wissen - So ist das Theater so etwas wie eine Erfahrungsmaschine - auch, auch - nicht nur - das ist auch richtig - denn es soll dabei ja auch unterhalten, entspannen, Gefühle anrühren, aufwecken - - aber - da sind wir ja wieder bei dem, was ich vorher berührt habe - 

  Noch einmal kurz zum Leben als Spiel. Wir sind in der Tat alle Schauspieler. Beobachten Sie einmal zwei Menschen, die miteinander reden, sich etwas berichten oder - Jeder Ton stimmt da, jede Geste ist dazu präzise erklärend dazugesetzt - völlig unbeabsichtigt, natürlich - aus der Unschuld des Augenblicks heraus, aus dem Unbewussten - aber fordern Sie dieselben Menschen auf, das, was sie soeben so natürlich, so selbstverständlich und überzeugend dargestellt haben, fordern Sie sie auf, das noch einmal zu wiederholen. Es gelingt nicht, es kann nicht mehr gelingen, da sie nicht mehr in der unbewussten Stellung sprechen können und Gestenhandeln. Jetzt nun ist das Ganze in das Bewusstsein getreten und damit ins Unvollkommene geraten, nun ins Linkische - 

  Das beschreibt so grandios Heinrich von Kleist in seinem Aufsatz über das Marionetten-Theater. Dieser Aufsatz ist nicht nur der Schlüssel zu seinem Werk und der so großartigen übersetzten Beschreibung der Vertreibung aus dem Paradies - es ist auch der Schlüssel zur Schauspielkunst. Der Schauspieler muss, um überzeugen zu können, seine Rolle und damit sich selbst neu einbringen. Das heißt, er muss aus dem Bewusstsein seines Rollenverständnisses wieder zurückfinden ins Unbewusste, in eine unschuldige Rollensituation, die wir ohne vorgeschriebene Rolle vorhin ansprachen bei dem Zwiegespräch zweier Bürger. Und so ergibt sich - auch nach Kleist - dass ein Schauspieler dann am besten auf der Bühne ist, wenn das Publikum sagen kann, na, das hätte ich aber auch gekonnt.

 
Die Wirkung des Theaters, seine dramaturgischen Gesetze, hat der griechische Philosoph Aristoteles in seiner 'Poetik' untersucht. Eines der wichtigsten Wirkungsgesetze im Theater sind demnach 'Furcht und Mitleid'. Kurz und banal gesagt: Erzählen Sie einem Bekannten, dass Sie sich beim Brotschneiden fast die halbe Fingerkuppe abgeschnitten haben. Das 'Ach und Oh' des bekannten zeigt sein Mitgefühl, sein Mitleid mit den Betroffenen, denn er kann sich in diesem Augenblick stark vorstellen, dass ihm das auch geschehen könnte - und diese Furcht- und Mitleidsituation ist ein wichtiges Spannungsfeld des Theaters - ins Magische getragen. 

  Das Theater ist das unmittelbarste Medium für den Menschen. Hier findet die direkte Begegnung zwischen dem Menschen im Zuschauerraum und den Schauspielern in Fleisch und Blut auf der Bühne statt. Kein anderes Medium kennt diese unmittelbare Begegnung. Fernsehen, Film, Radio - es kommt zu uns über technische Apparate, über technische Filter. Das Kino ist dem Theater noch am nächsten durch die große Leinwandfläche und die Zuschauer im Zuschauerraum.

  Ich wiederhole mich. Das Theater ist das Abbild des Spieles im Leben, des Marionettentheaterspieles von und mit Menschen - an Fäden, an Stricken bewegt zur Fratze, zum Lachen, zum Weinen - zum Leeren -
 
Theater - an jedem Abend ein anderes Publikum, an jedem Abend dadurch ein anderes Erlebnis des gespielten Stückes - Das ist der Reiz - das ist - - 

  Ich denke am Schluss an das, was einmal der große Regisseur und Theatermann Max Reinhardt gesagt hat. Wer mit dem Theater lebt, der muss seine Kindheit in seine Hosentasche stecken. 

  Joachim Tettenborn


Mein Herz hängt am Theater (aus Tettenborns Biographie)

Aber ich muss noch einmal zum Theater kommen. Mein Herz hing, hängt daran.

Zur Schauspielerei gibt es eine unvergleichlich schöne Erzählung - – es ist das „Marionetten-Theater“ von Heinrich von Kleist. Es ist eine poetisch, stimmige Erzählung von der Vertreibung aus dem Paradies, es ist die Beschreibung der Schauspielkunst und zugleich der Schlüssel zum Gesamt-Kleistschen Werk.

Die vollendete Erfüllung der Schauspielkunst – das ist eine Art von Wiederfindung des Paradieses – nun verwandelt durch ein durchschrittenes Bewusstsein – und damit die Wiedererlangung der Grazie in einem unendlichen Bewusstsein. Was der Schauspieler auf der Bühne zu spielen und zu sprechen hat, das hat ihm ein Dichter vorgegeben, aber er muss erreichen, dass es so erscheint, als ob er es im Augenblick erlebe, neu im Jetzigen. Der Text des Werkes zu seinem eigenen gemacht – das ist es - - -

Wenn ich zu schwierig war in den wenigen Zeilen - Kleist kann es erklären, was ich versuchte aufzuzeigen.

Das Spannungsfeld auf der Bühne ist ein ganz besonderes. Das wird das Publikum kaum spüren, aber diese besondere Spannung macht die Szenen elektrisch – zum Zündeln über die Rampe hinweg zum Publikum. Aber eine solche Spannung kann leicht umkippen, wenn etwas geschieht, das hier nicht vorgesehen war – sei es nun eine kleine unbeabsichtigte Panne oder ein von einem schlitzohrigen Schauspieler herbeigeführte Panne für ein Durcheinander, um die Bühnenleute ins Lachen zu bringen. Ein solches Bühnenlachen ist unwiderstehlich, ansteckend, Zwang – über die Spannung transportiert. Ein solches Bühnenlachen ist bei allen Schauspielern gefürchtet, aber gerade deshalb – so ein Kitzel zum Spaß. Zwei typische Beispiele fallen mir dabei ein – es sind oft auch geschmacklose dabei – aber das kann man nicht steuern. Wir spielten den „Wilhelm Tell“. Der berühmte, nun alte, jüdische Schauspieler Bassermann spielte den Attinghaus. Attinghaus stirbt in einer Bühnenszene. Die Mitspieler drücken ihm die Augen zu - und ein besonderer Witzbold hatte sich dazu etwas einfallen lassen. Er hatte sich zwei Drops in den Mund gesteckt, einen runden grünen und einen roten. Er legte sie rechts und links dem toten Attinghaus über die Augen. Die aufkommende Fröhlichkeit war nun kaum noch zu unterdrücken in diesem Trauerhaus. Trotz allem aber – ohne eine strenge schauspielerische Disziplin geht nichts im Schauspielerischen. Zu einem anderen Beispiel. Wir spielten „Troilus und Cressida“ von Shakespeare. Es geht in einer Szene darum den Achilles, gespielt von Sigmar Schneider, zum Kampf mit Hektor zu überreden, da nur er eine Siegeschance habe. Aber alle Überredungskünste des Odysseus, gespielt von Martin Held, bewirkten nichts. Nun wendet er sich in seiner Not an den ziemlich hirnlosen Kraftprotz Ajax, gespielt von Dieter Zeidler.

Der Bühnenspaß begann verhältnismäßig harmlos. Zeidler wartete hinter der Bühne auf seinen Auftritt. Aber er konnte die Bühnenszene genau beobachten. Als Odysseus eine Hand, überredend auf die Schulter von Achill legte, gab es einen kleinen Donner auf aus der Bühnendonnermaschine. Ausgelöst hatte ihn Zeidler. Als Odysseus nun seine linke Hand auf die Schulter Ajax legte – ein stärkerer Donner, als Odysseus beide Hände auf seine Schultern legte – starker Donner. So was halte einer mal aus auf der spannungsgeladenen Bühne – und die Schauspieler wussten ja, dass der Donner nicht zur Szene gehört – im Gegensatz zum Publikum – dem man in seiner Ahnungslosigkeit schon ab und zu etwas zumuten konnte. Aber damit nicht genug. Zeidler, der Donnerschauspieler, hatte jetzt seinen Auftritt als Ajax. Er trug eine offene Lederweste. Odysseus lobte ihn, immer stärker, um ihn zum Kampf mit Hektor zu bringen. Ajax gefiel das sehr. Er war begeistert. Er hatte sich ein Quadrat Bartwolle auf seine nackte Brust geklebt, und bei den Lobeshymnen, riss er sich lachend ganze Hände voll von diesem Bartcrepp von der Brust – und warf es weg – Da hätte beinahe der Vorhang fallen müssen.

Diese Schauspielerkomik mag manchen als zu klein und dürftig erscheinen, auf das Normalleben bezogen, aber eben auf der Bühne – Dass diese Szene zu Ende ging, das konnten nur die Götter des Theaters bewirkt haben –

Wehe, wenn das Geschehen auf der Bühne nicht mehr lebendig ist, nicht aus dem Augenblick heraus geschieht – dann hört das Publikum nicht mehr genau zu, dann ist es, wird es eingelullt im Kling-Klang der Worte – ohne wirklich zu verstehen, zu begreifen. Besonders gefährlich ist es, wenn gereimtes darzubieten ist oder Jamben – fünffüßig oder –

Bei einer Aufführung von „Kabale und Liebe“ machte mir einmal ein Schauspieler klar, wie narkotisiert Zuschauer werden können. Er spielte den Ferdinand und er war ein sehr guter Schauspieler. Natürlich kannte das Publikum das Theaterstück, den Anfang, den Fortgang und den Schluss. Nur eine übergroße schauspielerische Leistung hätte dazu führen können, die Zuschauer aus ihren nun eingetretenen Halbschlaf zu erwecken. Er versprach mir ein Beispiel vorzuführen, um zu beweisen, dass das Publikum kaum noch genau zuhörte. Und er brachte es.

Die Begegnung Ferdinand mit Lady Milford – sein Abgang von der Bühne mit den Worten, die er der Lady zuruft: „Umgürte dich mit deinem ganzen Stolze, England. Ich verwerfe Dich, ein deutsche Jüngling.“ Aber zum Exempel nun brachte der Ferdinand-Schauspieler diese Schlusssätze ganz anders: „Umstolze Dich mit Deinem ganzen Gürtel, England, Ich verjüngle Dich, ein deutscher Werfling.“ Und – Vorhang. Ein Riesenapplaus. Das wäre in einer Kortner-Inszenierung nie passiert – er ließ den Augenblick auferstehen – eine nachgelernte Routine hatte hier nichts zu suchen.

Ja. Große Schauspielkunst sollte vergessen machen, dass es Schauspielerei auf einer Bühne war. Da darf es keine falschen Töne, keine unnatürlichen, künstlichen geben – keine falschen Bewegungen. Wenn die Zuschauer dann am Schluss der Vorstellung sagen, das hätte ich auch gekonnt, dann hatte die Aufführung gestimmt. Beherrschung des Körpers, besonders der Hände und Arme. Das ist Schwerstarbeit für manche Schauspieler. Da gibt es die sogenannten Möbelschauspieler, die sich an Möbeln festhalten, an Stühlen, an Schränken – da sie nicht wissen, wohin mit ihren Händen. Sehen Sie sich einmal manche der großen, berühmten Moderatoren im Fernsehen an – und Sie werden sehen, dass sie allzu oft ihre Hände in die Hosentaschen stecken – deshalb eben –