Die Anstalt bedauert

Die Anstalt bedauert

(Roman)

 

382 Seiten

Format: 12 x 20,6 cm

Einband: Hardcover Leinen

1. Ausgabe 1977

Verlag Fritz Molden

ISBN 3-217-00767-0

 

  Die Fernsehanstalt bedauert - daß vor den Kameras einer gestorben ist. Für sie war es ein 'bedauerlicher Zwischenfall'. Doch damit wird das Talkshow-Opfer nicht wieder lebendig.

  Vor der Kamera einer deutschen Fernsehanstalt stirbt ein Mensch - sozusagen 'live'. Millionen Zuschauer haben es miterlebt. Die Anstalt bedauert. Und erklärt, ihre populäre Talkshow 'Zur Figur', bei der sich der 'bedauerliche Zwischenfall' mit Walter Kamprath ereignet habe, sei einer ihrer erfolgreichsten Sendungen mit höchstem Unterhaltungs- und Informationswert - und natürlich auch mit höchster Einschaltquote.

  Der publikumsscheue Schriftsteller Walter Kamprath hat es nicht gewagt, der Einladung der Anstalt, bei der populären Talkshow den Interviewten abzugeben, nicht zu folgen - weil er es einfach nicht wagte, die Chance, bei höchster Einschaltquote auf dem Bildschirm zu erscheinen, ungenützt zu lassen.

  Der junge Redakteur Simon Torff wind beauftragt, die Vorbereitungen für diese Vivisektion vor der Kamera zu treffen, das 'Opfer' Kamprath in Sicherheit zu wiegen und damit 'abschußreif' zu machen. 'Zur Figur' ist nämlich keine gemütliche Plauderstunde, sondern eine beinharte Sendung nach amerikanischem Muster, bei der die Interviewten richtiggehend auseinandergenommen werden.

  Doch die Sendung verläuft anders als geplant. Das Wild wird zu Tode gehetzt: Kamprath stirbt neun Minuten vor Schluß der Sendung.

  Die Anstalt bedauert - und führt personelle Veränderungen durch. Redakteur Simon Torff, der alles hautnah miterlebt hat, wird zu einer Schlüsselfigur.

  (Klappentext)

 

Über seinen zweiten Roman schrieb Tettenborn in seiner Biographie

Und dann kam mir ein zweiter Romanstoff, eine zweite Geschichte vor Augen, Herz und Seele. War schon der erste Roman so etwas wie ein Schlüsselroman Schiller-Theater, so war es der zweite ganz offensichtlich – ein Schlüsselroman Zweites Deutsches Fernsehen. Also – ein Fernsehroman. ...

Ich werde immer wieder gefragt wie lange es dauere bis so ein Roman geschrieben sei. Und ich habe nie eine passende Antwort dazu bereit. Man begegnet so einem Stoff – die Geschichte beginnt sich zu entwickeln, zu reifen. Wie lange so ein Prozess dauert – das ist von Fall zu Fall verschieden – zehn Jahre nach meinem ersten Gedanken dazu – Wenn die Wehen einsetzen und das eigentliche Gestalten beginnt, das Schreiben, dann braucht es bei mir nicht viel Zeit. So ein Roman ist dann in sieben, acht Monaten geschrieben – fertig zum Druck – aber, wie gesagt, das ist von Fall zu Fall unterschiedlich –

Es ging in diesem Roman, um es auf die kürzeste Formel zu bringen um eine Talk-Show modernster, ja, brutalster Art, um im Kampf um die Einschaltquoten oben bleiben zu können und damit höchste Werbeeinnahmen einzufahren.

Es war ein Schlüsselroman ZDF. Nun aber im Roman in einen Sender gesetzt, der unserer Zeit voraus war – also nicht mehr das ZDF der bekannten Art, aber unter Benutzung des ganzen Apparates und Ablaufes – woran sich auch in die Zukunft nicht viel ändern wird – also doch ZDF.

Foto: Funkuhr Nr.18/1977
Foto: Funkuhr Nr.18/1977

Es war eine Talk-Show mit Überraschungen. Der Kandidat – es ging bei dieser Talk-Show immer nur um einen einzigen Gast – wurde überrascht von Unvorhergesehenen, wohl auch Unvorhersehbaren. Der Kandidat selbst hatte kein Ahnung vom Ablauf der Show. Im Roman ist das Talk-Opfer ein Schriftsteller, der zum ersten Male einen Bestseller geschrieben hat und Angst davor hat beim nächsten Romanversuch abzustürzen. Er musste im Bewusstsein des Publikums bleiben, wenn er weiter oben mitschwimmen wollte. So war es leicht ihn als Schlachtopfer zu gewinnen. In seiner Show holte ihn seine Vergangenheit ein. Da gab es irgendwann einmal eine Fahrerflucht, eine Mutter mit einem unehelichen Kind trat auf. Es wurde ihm als sein Kind präsentiert. Er hatte bisher nichts von dem Kind gewusst. Dass er der Vater sein wollte – Die Begegnung mit dieser Frau war nur eine flüchtige Begegnung gewesen. Sie war ihm fremd – nun – Aber jetzt vor Augen der Kameras, ja, da konnte er nicht gut den abweisenden Vater spielen – da sahen und hörten ja Millionen Zuschauer zu, mögliche künftige oder jetzige Leser. Aber die TV-Show-Leute liessen nicht locker. Sie wollten ihn dazu bringen sich mit dieser Frau vor der Kamera zu verloben.

Das hält der ohnehin herzaufgeregte und herzanfällige Kandidat nicht aus. Sein Name war Kamprath. Ein Herzschlag beendete seinen Fernsehauftritt.

Mein ursprünglicher Titel für meinen zweiten Roman, stellte ich Molden in Wien in seinem Büro vor. Mein Vorschlag „Die Anstalt“. Molden war von diesem Titel begeistert. ... Leider konnten wir diesen Titel nicht nehmen. Es gab ihn schon und sogar als Romantitel. Eine Urheberrechtsfrage. … und so wurde der Titel verworfen und der von meinem Cheflektor vorgeschlagene Titel angenommen. „Die Anstalt bedauert“.

Der Roman erschien. Er war ein richtiger, guter Erfolg mit sehr viel positiver Medienresonanz.

Übrigens übernahm später der Heyne-Taschenbuch-Verlag den Roman in Paperback zu dem für mich unmöglichen Titel „Das Fernsehen bedauert“. Wohl zur Verdeutlichung und aufs Verkaufen gerichtet. Es kam keine Rückfrage des Verlages dazu an mich. Ich beließ es schließlich dabei.

 


Diese Reportage erschien in der Funkuhr Nr.18/1977 - Teil 1
Diese Reportage erschien in der Funkuhr Nr.18/1977 - Teil 1
Funkuhr Nr.18/1977 - Teil 2
Funkuhr Nr.18/1977 - Teil 2


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Brief von Johannes Mario Simmel an Joachim Tettenborn über den Roman 'Die Anstalt bedau- ert'.



Pressestimmen

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Tod vor der Kamera
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