Mit Schirm, Charme und Melone

GB 1961–1969 (The Avengers)
161 Episoden in 6 Staffeln
Deutsche Erstausstrahlung: 18.10.1966 ZDF

John Steed und Emma Peel sind ein unschlagbares Agentenpärchen: Steed, ein Gentleman vom elegant gewellten Scheitel bis zur sündteuren Sohle, superintelligent und mit göttlichem Humor gesegnet. Emma Peel seine perfekte Ergänzung. Schlagfertig und supersexy. Drei Dinge braucht das taffe Duo, wenn es seine ungewöhnlichen Fälle löst: Schirm, Charme und Melone. Mit kühler Lässigkeit, Emmas Karate-Künsten und verblüffendem Scharfsinn sowie humorvollem Charme gelingt den beiden die Aufklärung der kompliziertesten Kriminalfälle.

(Text: Premiere)

Da tauchte plötzlich eine englische Serie der ganz besonderen Art auf. Sie gab sich vom englischen Titel her eher harmlos, unwichtig, „The Avangers“. Einige Episoden dieser Serie wurden mit von der englischen Produktionsfirma nach Mainz zur Ansicht geschickt. Das war Routine. Routine zur Einkaufsmöglichkeit. Eine solche Besichtigung ergab sich an irgendeinem Tage jeweils – wie er sich anbot. Routine – ja – aber dann sah ich die erste Episode und war sofort fasziniert. Das war einmal etwas völlig anderes. Die führenden Figuren – ein englischer Gentleman und eine Lady, beides schlagfertige Typen mit Wort und Faust – Karate und anderen Umschwünge. Dazu Storys,  

Geschichten die aus dem Rahmen fielen. Schwarzer englischer Humor – hier war er – und wie!! Der Gentleman hiess in der Serie Patrick McNee und die Lady Emma Peel. Der Gentleman, wie es sich englisch gehörte, mit Schirm und Melone und immer massgerecht angezogen. Und Emma Peel ebenfalls Sonderklasse – Mode vom Mini bis zum Maxi – und dann kam’s – gegen Ende jeder Episode Emma Peel im Kampfanzug, ein schwarzlackierter Hosenanzug – und wie man dann immer wieder erlebte, eine unbesiegbare Lady. So etwas hatten die deutschen Bildschirme bisher noch nicht gesehen. Ich war sofort gefangen. Das musste meine neue Serie werden – aber – aber eben auch das Ganze von den Storys bis zum Andershumor, das völlig ungewohnt, und dazu eine junge bildschöne Dame im Kampfanzug mit Karate und Faustkampf – das musste zunächst im Sender auf Widerstand treffen. So war es auch.

Diana Rigg (Rolle: Emma Peel) mit Joachim Tettenborn (Foto: Archiv Tettenborn)
Diana Rigg (Rolle: Emma Peel) mit Joachim Tettenborn (Foto: Archiv Tettenborn)

  Zunächst einmal brauchte ich Verbündete. Ich suchte sie mir wo ich nur glaubte zu können und Verbündete, die in Positionen waren, die zumindest das Mitsagen haben. Zunächst versuchte ich es, meinem Hauptabteilungsleiter schmackhaft zu machen. Er erwischte mich in einem ungünstigen Moment. Von mir schon ausgesuchte Episoden (noch nicht gekaufte. Dazu war ja die Genehmigung des Hauses nötig) für eine Sendung waren im, Augenblick nicht mehr im Hause. Aber es gab noch ein paar Episoden, die ich ausgemustert hatte – nicht zuletzt im Hinblick darauf, meine 'Feinde' nicht zu überfordern. Ich nannte diese Episoden ‚meine stille Reserve‘.  Zu diesen von mir ausgemusterten Episoden stiess nun mein Hauptabteilungsleiter gemeinsam mit dem Chef der Büros des Programmdirektors. Sie begehrten nun von mir die Sicht auf dieses „Phänomen“, so nannten sie es – denn über diese Serie wurde überall im Hause gesprochen, gelästert und – Mir konnte diese Flüsterberichterstattung nicht recht sein. Hieraus konnte sich schnell ein schiefes Bild der Serie ergeben.

  Aber nun musste es sein. Und so führte ich, ungern, aber unabwendbar nun, diese zunächst unbrauchbaren Episoden den beiden vor. Ich erklärte ihnen, dass diese Episoden von mir ausgemusterte seien, aber dass ich an ihnen das Strickmuster erkennen liesse und die Hauptfiguren vorgezeigt werden könnten.


   Sie sahen sich das an. Ihre Dazuäusserungen waren knapp und kärglich. Was immer das auch zu bedeuten hatte. Kurz und gut – ich kam schnell ins Wissen davon. Der Hauptabteilungsleiter Gerhard Prager hatte ‚Nein‘ zu der Serie gesagt. Doch nicht mir sagte er es – er sagte es seinem Stellvertreter Barcava. Die Ablehnung war klar und unabwendbar. So schien es. Nach diesem Votum war er aufgebrochen zu einer Dienstreise – acht Tage fern seinem Büro und damit auch mir. Da sass ich nun mit meinem ganzen Enthusiasmus. Aber – aber – da gab es ja noch seinen Stellvertreter Stefan Barcava. Ihn zog ich in das Serienboot, ins 'Avanger Boot'. Es gelang mir ihn zu überzeugen – hinter dem Rücken des Hauptabteilungsleiters – in seiner Abwesenheit. Und so intrigierten wir zum, guten Zwecke so vor uns hin zu einem möglichen Siege, zu einem möglichen Durchbruch.

  Mein Glück war dieser Stellvertreter, dieser Stefan Barcava. In meiner Schiller-Theater-Zeit hatte ich sein Theaterstück 'Die Gefangenen' zur Uraufführung gebracht. Es war übrigens das einzige Theaterstück von ihm. Um so mehr hatte es nun  Gewicht. Klar rückte er nun an meine Seite und wir überlegten, wie wir den Hauptabteilungsleiter und sein 'Nein' umbiegen könnte. Nun – der Standhafteste war er nicht – und einen Programmfehler wollte er auf keinen Fall machen. Wir brachten ihn dazu, zum kleinen 'Ja'.  Er gab auf – und wir schritten nun voran – nun – ich schritt voran.

  Aber ganz ausgestanden war es auch jetzt noch nicht. Im Hause wurde immer noch geredet und gewispert, so suchte ich nach neuen Hilfstruppen, nach weiterer Unterstützung. Und ich versuchte es mit dem Hauptabteilungsleiter für Internationale Angelegenheiten, mit Kimmel. Ich bat ihn, sich eine Episode anzusehen – in der Hoffnung, ihn auf meine Seite ziehen zu können und ihn womöglich zum Fürsprecher zu machen. Immerhin – Kimmel war ein Mann von Welt, 'Internationale Angelegenheiten' – und somit anfällig, hoffentlich!! Die Episode, die ich ihm anbot hatte den Titel 'The scottish Castle'. Sie gehörte zu den von mir für die Sendung ausgesuchten. Was ich dem Kimmel-Kollegen hoch anrechne – er kam, obwohl er am nächsten Tag in den Urlaub fuhr. Kimmel war begeistert. Die Episode war natürlich noch in englischer Sprache – für ihn kein Hindernis.  Er war begeistert, aber auch recht besorgt. So etwas in Deutschland -  noch dazu eine schöne und besonders charmante Frau – und dazu dann im schwarzen Kampfanzug mit Karate und Boxschlägen, die Männer abservierend – neben ihr ein Snob mit Melone und Regenschirm – und ausserdem überall angelegt, der schwarze Humor. Nein, er riet mir ab, obwohl es ihm sehr gefallen hatte. Schade – ich hatte ihn nicht auf meiner Seite. Aber schliesslich gelang es mir doch mit Barcava den Hauptabteilungsleiter zu überfahren. Er gab mit sichtlichem Missvergnügen nach – auch mit etwas Angst.


  Nun war ich losgelassen und konnte an die endgültige Auswahl der Episoden zur Serie gehen. Und das tat ich nun mit Lust und grossem Eifer in London. Dann hatte ich meine Staffel zusammen. Aber noch immer boten sich taktische Vorsichtsmassnahmen an. Vor allem brauchte ich einen stimmigen Titel, der den Zuschauern von vornherein klar machte, dass es sich  nicht um eine der üblichen Krimiserien handelte, sonder um eine ausgefallene – eine nicht allzuernst zu nehmende Krimiserie handelte. Und bei einem Spaziergang durch die Felfer bei meinem kleinen Weindorf – kam mir der Einfall. Ich notierte den Einfall zum Titel sofort. Ich nannte sie 'Mit Schirm, Charme und Melone'.

  Aber selbst der Titel, der inzwischen ein Kulttitel ist, selbst dieser Titel musste im Sender erst durchgesetzt werden. Ich erinnere mich noch an einen Montag, da gab es jeweils die sogenannte 'Grüne Sitzung'  wohl wegen des grünen Papiers das da auf ihren Tisch lag. Da sassen sie wieder montags zusammen, die Programmplaner, nur nicht die Programmmacher. Gut so -  einen ganzen Vormittag Zeit gespart für Besseres. Da sandten sei einen der ihren aus ihrer Sitzung ab zu mir, um mich zu fragen, wie es bei diesem Titel zu dieser Objektverschiebung kommen konnte. Es müsse doch heissen 'Mit Charme, Schirm und Melone' und nicht 'Mit Schirm, Charme und Melone'. Ich konnte darauf nur antworten: „So etwas können nur unmusikalische Menschen fragen“. Meinen Serientitel durfte ich behalten. Später – nach dem Supererfolg der Serie und damit natürlich auch des Titels, da habe sich viele gebrüstet, diesen Titel erfunden zu haben. Sollen sie doch – bei mir lag die Urerfindung unwiderleglich – schwarz auf weiss mit Zeichnungen in einem Schubfach meines Schreibtisches.

  Der Tag, der Abend der Serienvorstellung kam. Die erste Emma Peel-und-John Steel-Episode hatte den Bildschirm erreicht. Mit grösster Spannung die ersten Reaktionen von Presse und Publikum erwartet. Ich hatte gesiegt – auf der ganzen Linie. Nahezu einmütige Begeisterung. Briefe der Zuschauer – Waschkörbevoll – fast nur Positives bis Positivstes. Auch die Presse stieg voll ein. Ich sehe es noch vor Auge, die Kritik des Fernsehkritikers der ‚Frankfurter Rundschau‘. – immer schon auf Seite Zwei, linke Spalte und da stand es auch jetzt 'Heute wieder Sesselseligkeiten'. Nun fühlten auch die früheren Ablehner das Bedürfnis, zu zeigen, dass sie eigentlich schon immer dafür waren. Nicht, dass sie geradezu behaupteten, dass nur ich gebremst habe, hingegen sie, die Fortschrittlichen – und so weiter – aber das kannte ich ja schon –

  Der Erfolg der Serie war kaum noch zu überbieten. Natürlich strahlte auch mein Hauptabteilungs-leiter nun in hohem Glanze. - - und Pluspunkte für die Firma - und ein paar anerkennende Worte auf dem Wege – keine Gehaltserhöhung – Das ging ja auch nicht. Da gab es ja feste Normen und Gruppen, genaue Richtliniendimensionen. Aber Ehr gut – vieles gut. An mir war aber auf jeden Fall hier nicht mehr vorbeizukommen. ...

Diana Rigg (Emma Peel), Patrick McNee (John Steed) werden von Joachim Tettenborn am Flughafen Düsseldorf abgeholt. (WAZ, 7.7.1967)
Diana Rigg (Emma Peel), Patrick McNee (John Steed) werden von Joachim Tettenborn am Flughafen Düsseldorf abgeholt. (WAZ, 7.7.1967)

  Und das eine muss noch gesagt werde, ganz Deutschland war in einem 'Emma Peel und John Steed Fieber'. Man kann es nicht anders nennen. Nie zuvor hatte in Deutschland, bis einschliesslich heute, je eine Serie so ein geradezu euphorische Fieber ausgelöst. Und das war auch einmalig in der ganzen Welt. Weltrekord. Und das ist nicht übertrieben.
Der Erfolg liess sich nicht mehr steigern. Es war teilweise eine nahezu hysterische Begeisterung. Und das führte zu einem ganz und gar eklatanten Ereignis – zu der Erreichung der 'Wunderbarkeit' wie es ein Journalist einmal nannte.

 

  Zu jener Zeit lief im ZDF die grosse Show 'Vergiss mein nicht' mit Peter Frankenfeld – gleichzeitig eine Aktion für behinderte Kinder 'Aktion Sorgenkind'. Peter Frankenfeld begehrte für seine Show die beiden Stars aus 'Mit Schirm, Charme und Melone'. Der Wunsch wurde an mich herangetragen. Peter Frankenfeld wollte es so und mit ihm konnte man gut, sehr gut zusammenarbeiten, wenn man nur ein Profi war wie er. Ich sprach mit London mit der englischen Produktionsfirma – Richtung zeitweiliger Transfer der beiden Stars. Der Bescheid war positiv. Nun galt es mich zu rüsten. Die beiden zum ersten Male in Old-Germany. Die Nachricht verbreitete sich mit Windeseile. Und es war ja ein wahres Fressen für die Presse, den Hörfunk und das Fernsehen.

  Ich war ja auf einiges gefasst, aber was sich dann abspielte – nein – das übertraf alle Erwartungen, alle Traumvorstellungen. Peter Frankenfeld hatte in seiner Show eine bestplazierte 'Emma, John'-Lücke gelassen. Zu einem Mittelpunkt bestimmt.


  Ich war abgeordnet das Paar abzuholen. Sie wollten am Düsseldorfer Flughafen ankommen. Dort wartete ich zur angegebenen Zeit mit Strauss und schönen Sprüchen. Von ihrer Ankunft konnte eigentlich keiner wissen – trotz allem aber – so weit man sehen konnte Zuschauer, Erwartungshungrige. Es war also etwas durchgesickert – mehr wohl, denn auch die Presse war stark vertreten. Die beiden nun an meiner Seite. Blitzlichtgewitter, Schnellfragen, Kurzinterviews. Abschirmung durch ein Polizeiaufgebot. Ich führte die beiden hin zu einem einmotorigen Sportflugzeug. Einstieg. Nur Platz für vier Personen, aber das reichte ja auch, wir waren ja nur zu dritt. Propellerdröhnen, abheben – aber, oh Schreck, was bemerkte ich da – die Tür, die Flugzeugtür liess sich nicht schliessen. Die beiden bemerkten es! Ich hielt die Tür mit beiden Händen zu – aber eine gewisse Angst war den beiden Serienhelden nun doch schon anzumerken. Ich schaffte es, bei small talk die Flugzeugtür bis zu Landung zuzuhalten.

  Aber das war erst der Anfang der Abenteuer. Ach hier in Dortmund Ausstieg auf dem Flughafen. Und überall – wohin man auch sah – Menschen, Menschen, Menschen. Sie waren da – unbestellt, ohne eine Ansage oder Bekanntgabe – sie waren da. Ein Wagen des ZDF. Ich neben dem Fahrer – die beiden Helden im Fond. Und unser Fahrer wollte es uns nun wissen lassen – zumal die Zeit drängte. Die Frankenfeld-Show war in dreissig Minuten auf Sendung. Ja, der Fahrer liess es uns wissen. Er verliess die Strassen, um Abzukürzen, und fuhr durch einen Dortmunder Park. Manchmal knapp an, zwischen zwei Bäumen vorbei, durch. Meine inzwischen bleich gewordenen Helden, versicherten mir und dem Fahrer immer wieder, dass sie zwar die grossen Helden in der Serie spielten, dass sie jedoch im wirklichen Leben - - Es half alle nichts. Unser Fahrer wollte sich ihnen der Serie gemäss würdig verhalten und so mussten wir es über uns ergehen lassen.

Peter Frankenfeld (m.) und Joachim Tettenborn (r.)
Peter Frankenfeld (m.) und Joachim Tettenborn (r.)

Aber irgendwann kamen wir endlich auch an, schon ungeduldig, eilfertig erwartet. Zum richtigen Termin noch. Nun schnell ab ins Schminkzimmer, Maskenbildner, Schminker, Umzug – Die Show lief inzwischen. Ich brachte die beiden in die für sie vorgesehenen Positionen und führte sie zum Auftritt, nein, in den Auftritt hinein, zu Peter Frankenfeld. Jubel in der Dortmunder Westfalenhalle. Jubel – kaum zu bremsen – kein Entgegen-stemmen zunächst möglich. Das musste hingenommen werden. Zeitüber-schreitung war nun gegeben. Auftritt natürlich im Serienkostüm. Emma im Kampfanzug, John mit Schirm und Melone.