Barfuß durch die Hölle

J 1958–1961 (Ningen no joken / The Human Condition)
Regie: Takeshi Abe
Miniserie in 7 Teilen in 1 Staffel
Deutsche Erstausstrahlung: 04.01.1967 ZDF

  Die Serie spielt in dem von Japan besetzten Korea in den letzten Kriegsmonaten. Die Rote Armee war in Korea einmarschiert. Die Japaner mußten sich immer weiter zurückziehen. Der Krieg stellte sich immer mehr auf die Verliererseite. Die Koreaner wurden von den Japanern wie Sklaven behandelt.
  Im Mittelpunkt der Serie standen Michiko und Kaji. Kaji wird eingezogen und war nun  Soldat in die letzte Zeit hinein – nun wurde er in brutalste Kriegswirren gerissen – stand der grausigen Behandlung der Bevölkerung gegenüber  - das alles gegen seine Natur, dass sich daraus immer wieder gefährliche Spannungen ergaben, versteht sich von selbst. Michiko war einst seine große Geliebte, nun seine junge Frau. Sie weiß am Schluss nicht mehr, wo er ist – er ist für sie verschollen. Sie wartet auf ihn. Ein anrührendes Liebespaar. Kaji war die westliche Ausgabe eine Japaners. Groß, schlank – das Gesicht zwar asiatisch, japanisch – aber nicht typisch, eher abweichend. Kaji in russischer Gefangenschaft – Michiko immer hoffend, hoffend. Kaji gelingt die Flucht aus dem Gefangenenlager im tiefsten strengen Winter. Seine Flucht endet im  Tod – er muß aufgeben, entkräftet – er erfriert, der Schnee deckt ihn zu. Michiko ahnt das in diesem Augenblick – sie weint - und ganz Deutschland weinte mit ihr – Ja – so war es - -

  Joachim Tettenborn

An sein 'Erstlingswerk' hat Joachim Tettenborn umfangreiche Erinnerungen

   Da war ich nun also beim ZDF. Zur Untätigkeit gebracht durch den sinnlos gewordenen, überflüssigen Stellvertretenden Chefdramaturgen. Alles war nun besser als dieses. Und als der Hauptabteilungs-leiter Fernsehspiel und Film mir diese 26-stündige japanische Fortsetzungsserie anbot, die niemand haben wollte – was Du allerdings nicht wußte – da habe ich bedenkenlos zugegriffen – und als ich später erfuhr, dass schon ein Dutzend erfahrener Fernsehleute ihr ‚Nein‘ zu dieser Serie gesagt hatten – da lief es mir doch noch kalt den Rücken runter.
  „Barfuss durch die Hölle“, so habe ich diese Serie betitelt. Und es war, unbeabsichtigt, ein beziehungsvoller Titel. Wie schon gesagt, eine lange Fortsetzungsserie – 26-stündig. Alles noch in schwarz-weiß, was hier jedoch genau passend war. Alles in Japanisch und mein Schuljapanisch war sehr schlecht. Dazu das Ganze in englische Textbücher gebracht, aber das half auch nicht weiter, zumal diese Textbücher nicht auf dem letzten Stand waren. Und so wußte man oft nicht wo man gerade bei diesem Film war. Laß es mich einfach forterzählen.
  Ein Kollege hatte sich mir zugestellt oder auch, war mir zugestellt worden. Das weiß ich nicht mehr. Ich hoffte auch ihn, er war ein alter wohlausgestatteter Fernseh-Fahrensmann. Ja, auf ihn setzte ich und auf meine dramaturgische Erfahrenheit, auch auf meine Begabung für Geschichten und Handlungsabläufe. Aber – siehe da – mein kundiger Freund verzog sich still und leise nachdem er das ganze Filmmaterial kennengelernt hatte – angeblich eine Krankheit und noch so einiges. Er verzog sich und ließ mich allein – Ich, immer noch ahnungslos, dass sich schon derer einige davor damit versucht hatten. Ja, auf ihn setzte ich und auf meine dramaturgische Erfahrenheit, auch auf meine Begabung für Geschichten und Handlungsabläufe. Aber – siehe da – mein kundiger Freund verzog sich still und leise nachdem er das ganze Filmmaterial kennengelernt hatte – angeblich eine Krankheit und noch so einiges. Er verzog sich und ließ mich allein – Ich, immer noch ahnungslos, dass sich schon derer einige davor damit versucht hatten.
  Das Ganze hochbrisant – ich wiederhole es, da es bestimmend war. Der Intendant hatte die Serie persönlich wegen zu grosser Brutalität abgelehnt. Aber sie war gekauft und mit einer anderen Serie vertragsmäßig verknüpft. Also – beide Serien oder keine. Aber beide waren gekauft. Da durfte man nun wirklich fragen: Wer soll das bezahlen?
  Und der arme Jochen, der arme Joachim Tettenborn nun allein an der Front, ausgetrickst von seinem späteren Programmdirektor.
  Ein Sprichwort fällt mir ein:
    Die Dummheit drängt sich vor, um gesehen zu werden.
    Die Klugheit steht zurück, um zu sehen.

    Auf wen triff das nun wohl zu???—
    Nun musste aber gehandelt werden.  Nein!! Stopp!!

  Dazu hatte ich nach München zu reisen, in die Synchronstudios der Beta-Film. Auch dort nicht gefragte Fragen, aber sie waren da, das war zu spüren. Ich brauchte Hilfe – ich war ja auf diesem Gebiet erfahrungslos. An meiner Seite stand – dankbar von mir noch einmal nachträglich erwähnt – der technische Leiter des Studios, Buttenstädt.
  Was nun? Ratlosigkeit nicht nur bei mir. Das zeigte sich bald. Was nun? Da nicht erkennbar war, welche Bilder zu dem englischen Text des Buches gehörten, mußte Hilfe dringend her. Natürlich waren die englischen Texte inzwischen ins Deutsche übertragen. Das nützte auch nichts, da eine Menge Drehbuchänderungen nach der englischen Textherstellung stattgefunden hatten. Eine Bildbeschreibung war hier nun dringend nötig, mit dem Versuch den Text zum Bild herzustellen – Sonst wäre alles so ziemlich sinnlos –
  Ich habe mich nicht beneidet. Und blamieren wollte ich mich auf keinen Falle bei meinem ersten wahren Fernsehtun. Das Problem mußte gelöst werden – so oder so – Wenn ich untergehen sollte dabei – dann aber mit Bravour – Aber – ich bin nicht untergegangen – dank fachmännischer Hilfe und Zuneigung –
  Zunächst hatte ich abzuwarten. Die Bildbeschreibung musste vorangehen, damit eine Bild- und Text-Orientierung stattfinden konnte. Aber hier ergeben sich nun Probleme. Der Film, die Filmepisoden waren in der Tat vollgestopft mit äusserst brutalen Abläufen. Das hielt so manche Bildbeschreiberin nicht lange aus. Dreimal mußten wir sie auswechseln, eine davon wurde vor dem Monitor ohnmächtig. Ob sie seelische Schäden davongetragen haben – das war nicht feststellbar.
  Aber dann war es soweit. Eine erste, genauere Orientierung war möglich. Die 26 Stunden wollte ich verkürzen, zusammenführen zu jeweils 1½ Stunden Episoden. Leichter gedacht als getan. Aber immerhin – handwerklich bot sich nun eine gewisse Lösung an. Ich wollte sieben Episoden aus den 26 Stunden machen, eben wie gesagt 1½ Stunden. Das aber hiess – Schnitte machen, Schnitte machen, Schnitte machen – sinnvolle Schnitte. Für mich war das alles absolutes Neuland. Jetzt ein Muss zum Tun. Allerdings an meiner linken Seite eine hervorragende Cutterin, eine superbayrische, was hierfür sehr gut war, denn wir brauchten nun eine einigermassen strapazierfähige Dame –
  Durch sie lernte ich das Cutterhandwerk kennen und ich sollte es später darin sogar zu einer gewissen Meisterschaft bringen – wie meine Fachkollegen mir bescheinigten. Ich lernte nun die richtigen, möglichst genauen Bildanschlüsse zu finden – da gab es Regeln, die ich allerdings missachtete, oft mißachtete, auch aus meiner Naivität heraus – aber meine ungewollt kühnen Schnittvorstellungen konnten ab und zu, später öfter, auch meine Cutterin überzeugen.

Da gab es – als Beispiel gesagt – eine Hinrichtungsszene. Sechs Koreaner wurden von den Japanern getötet – mit dem Schwert. Die Henkerei wirkte so überzeugend natürlich (trotz der Unnatürlichkeit einer solchen Szene – oder auch weil), dass man das Gefühl hatte, es geschähe im Augenblick in dem Film wirklich. Eine Zeitlang habe ich sogar geglaubt, dass diese Hinrichtung tatsächlich stattgefunden hätten. So überzeugend unmittelbar wirkten sie. Diese Hinrichtungen hat es natürlich nur im Film gegeben! Gruselig überzeugend. Das konnte ich nicht stehen lassen – hier brauchte es der Schnitte einige und viele kleine dazu.. Du arme Cutterin!! Schnitt – Kopf ab – Schnitt – Kopf auf – Schnitt vor dem endgültigen Schwerzuschlag – noch einmal – Bild vor, Bild zurück – Kopf ab. Kopf auf – Meine Cutterin hielt das durch – ich natürlich auch.

  Es gab immer wieder Abnormes bei der Bearbeitung der Serie. Da stand ein japanische Geschäftsmann vor vier anderen, offensichtlich wohl auch Geschäftsleute oder Unternehmer. Und er sprach und sprach – 50 Sekunden lang. Und 50 Sekunden sind im Bildtheater viel. Was er sagte war nicht erfahrbar. Es fand sich nicht im übersetzten englischen Textbuch. Wir zogen einen Japaner zu Rate und er erklärte uns – zu unserer Verblüffung – das er nur ‚Guten Tag‘ sage. So eine Absonderlichkeit am Rande, erklärt vieles von unseren damaligen Problemen.
  Großes Glück hatte ich, dass ich einen Synchronregisseur fand, der grosser Erfahrung hatte, flexibel war und sich mit mir und meinen Ambitionen gut verstand. Er hieß Wolfgang Schick. Leider auch schon verstorben. Es war unglaublich schwer auf die japanischen Sprachlippen den deutschen Text zu bringen – wenn ich auch nicht auf präzise Lippensynchronität stand.
  Ich übergab meinem Synchronregisseur, Wolfgang Schick, ein nun fertiggeschnittenes Filmwerk – nun auf 7 x 1 ½ Stunden verkürzt. Schick und ich – wir fanden uns immer mehr zusammen. Er sprach ein großes Lob über mich aus und erklärte mich zum besten Synchronsachbearbeiter, den er je in seinem Leben gekannt habe. Das tat mir wohl- und das sage ich ohne alle Bescheidenheit – es stimmte wohl auch –
  Ein halbes Jahr – dann war dieses Sisyphusarbeit getan - -
- und es kam der Tag – kaum noch vorstellbar – da war das Werk gelungen. Ich konnte nicht mehr beurteilen, ob es gut geworden war. Ich war zu dicht dran.

  Es wurde ein unerwarteter Erfolg. Ganz gross, ja sensationell – das durfte man sagen. Obgleich die Serie durchgehend in Schwarz–Weiß war. (Aber wie ich meine hierzu genau passend!) Zur Sendezeit waren die Straßen menschenleer. Sitzungen, Veranstaltungen wurden am Sendetag verlegt. Es war geradezu ein Nationalsehen. Die Kneipen waren gerammelt voll zur Sendezeit – dazu muß gesagt werden, dass Fernsehgeräte zur damaligen Zeit noch nicht so dicht gesät waren wie heute  -
  Woher dieser große Erfolg? Wir haben oft darüber diskutiert. Es kam wohl vor allem auch dadurch, dass sich die Deutschen mit dem Filmgeschehen identifizieren konnten. Die letzten Kriegsmonate – Russeneinmarsch in Korea – Vergewaltigungen, Brutalitäten – Gefangenschaft – Es war des vielen da, was aus der kaum vergangenen Nähe wieder berührte –